Martin Margiela studierte an der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Gemeinsam mit Dries van Noten, Ann Demeulemeester und anderen gehörte er zum Kreis der Antwerp Six, einer Generation von Modemachern, die den Ruf der Belgier als Konzeptionalisten begründeten.
Mehr Bilder (7)
Im ersten Stock im Münchner Haus der Kunst riecht es noch nach frischer Farbe. Ein paar Kübel weisser Wandfarbe, Rollen, Pinsel und Wannen wurden scheinbar achtlos mitten in der grossen Retrospektive des belgischen Modeschöpfers Martin Margiela (*1957) platziert, ganz so, als hätten die Handwerker vergessen, vor der Ausstellungseröffnung ihr Werkzeug zu entfernen. Der Sondermüll ist Teil der Modeausstellung. Margiela spielt schliesslich auch selbst gerne mit weisser Farbe, bedeckt alte Lederjacken, Taschen und Schuhe mit Weiss, Grau und Silber; das fertige Produkt wird durch den Farbeinsatz wieder zur unberührten Leinwand, wird verjüngt und neu geboren.
Mit dem Pinsel löscht Margiela die bestehenden Farben, Muster und Sinn-Strukturen aus, der Kunde muss nicht länger neben dem ohnehin schweren Inhalt des It-Bags auch dessen ideologischen Ballast herumschleppen, sondern kann von vorne anfangen. Auch die Möbel und Kleiderpuppen im Haus der Kunst sind ganz oder teilweise mit weisser Farbe übermalt, auf dem Boden liegen Konfetti, grosse silberne Polka Dots und weisse Luftballons. Der Besuch der Ausstellung wirkt wie eine Wanderung im Fernseh-Testbild, dieser medial-elektronischen Winterlandschaft. Weisser war der White Cube des Museums nie.
Kopflose Mannequins, offene Nähte
Martin Margiela gibt keine Interviews und lässt sich nicht fotografieren, er ist einer der grossen Unbekannten des Kulturbetriebs, wie Thomas Pynchon oder die Jungs von Daft Punk. Obwohl niemand sein Gesicht kennt, gilt er als einer der einflussreichsten Schneider des 20. Jahrhunderts, wie Kaat Debo vom Antwerpener Modemuseum, die Kuratorin der Wanderausstellung zum 20-Jahr-Jubiläum, sagt. Am gleichen Tag wie die Ausstellung eröffnete in München auch die neue Boutique von Maison Martin Margiela – nur 300 Meter entfernt vom Haus der Kunst. Auch hier Luftballons, Silber-Konfetti und weiss bemalte Möbel.
Im ersten Raum der Retrospektive trifft man auf ein lebensgrosses 3-D-Gruppenbild der Angestellten der Maison Martin Margiela (MMM) aus weissem Kunstharz. Auf der Plakette daneben sind nicht die Namen der Mitarbeiter vermerkt, sondern nur ihre Funktion: Designer, PR-Fachleute und Schneider. Der Chef ist natürlich nicht zu sehen. Martin Margiela war, Ende der 80er-Jahre, eine Absage an den Celebrity-Kult der Mode, an Versace und die Supermodels. «Es geht ihm nicht um Gesichter, sondern um Stoffe und Schnitte», sagt Kaat Debo.
Die Ausstellung zeigt die Klassiker aus Margielas «Destroy Fashion»-Kollektion von 1989: Pullover, die aus alten Militärsocken zusammengesetzt sind, ein Kleid, das aus einzelnen Lederhandschuhen besteht, modische Readymades und stoffliche Systemkritik. Kopflose Mannequins präsentieren runde, eckige, raumgreifende Schulterformen und sehen dabei aus wie die Exponate einer antiken Statuensammlung. Die Entwürfe beeindrucken nicht nur durch revolutionäre Form oder den Bruch mit den Konventionen, sie enthüllen durch offengelegte Nähte oder externe Schulterpolster auch die Geheimnisse und Kniffe des Handwerks. Der Produktionsprozess – Skizzen, Schnittmuster, Fertigung – ist in den Kleidungsstücken erfahrbar. Mode als Erinnerungsarbeit.
Und was hat Mode nun in einem Museum zu suchen? Der ebenfalls belgische Direktor im Haus der Kunst, Chris Dercon, rechtfertigte die grosse Retrospektive für den Couturier unnötigerweise mit dessen Verwandtschaft zu Magritte, Man Ray oder den Happenings des Fluxus. In einer Zeit, in der sich Prada vom Avantgarde-Architekten Rem Kohlhaas einen luziden Modetempel an den Broadway bauen lässt, in dem man die käuflichen Artefakte zwischen den Kunstwerken der permanenten Sammlung erst suchen muss, in der Karl Lagerfeld und Zaha Hadid zusammen eine Ausstellung für Chanel konzipieren, ist die Kreativ-Schneiderei längst angekommen unter den unzähligen Künsten der Gegenwart, sind Kunst und Konsum endlich eins. Da verwundert es auch nicht, dass der gerade eröffnete Münchner MMM-Shop bereits in Fotos, Skizzen und Grundrissen der Ausstellung auftauchte – noch bevor das erste Kleidungsstück über die Ladentheke ging.
Kooperation mit Diesel
Trotz dieser Live-Komponente der Retrospektive muss man, wenn man die ganze Geschichte von Maison Martin Margiela hören will, das Museum verlassen und 300 Meter hinüber zum Flagship-Store gehen, in dem gerade das letzte Kapitel der Erfolgsstory aufgeführt wird. Margiela, der einst als Assistent von Jean-Paul Gaultier begann und heute zu den ganz grossen Pariser Modeschöpfern gehört, ist eben nicht nur der Schöpfer und Zerstörer der Couture, der Dekonstruktivist mit Pinsel und Schere, sondern auch eine globale Mega-Marke, deren Umsatz mehr als 70 Millionen Dollar beträgt. MMM hat zwar kein Logo, befestigt aber ein weisses Baumwoll-Etikett mit vier Stichen in jedem Kleidungsstück, die von aussen zu erkennen sind: das Anti- oder Hyper-Label.
MMM gehört seit 2002 mehrheitlich der Mode-Holding des Diesel-Gründers Renzo Rosso und hat mittlerweile auch Parfüms, Polohemden und Sneaker im Angebot. Man muss sich darüber nicht grämen. Naturgesetze kann nur der entdecken und beschreiben, der sich bewusst macht, dass er ihnen auch selbst unterliegt. Im Shop erfährt man mehr über die Marke MMM als im Museum, hier kann man den Stoff anfassen, in der Hand spüren und findet irgendwann auch folgendes Label in der Kollektion des grossen Pariser Couturiers: «Made in Romania».
(Tages-Anzeiger)