Wird in wenigen Wochen eingeweiht: Das Werk des Schweizer Künstlers Ernest Daetwyler. Bild: KEYSTONE/AP
Der «Pasewalk Police Phönix» ist eine begehbare, nach oben offene Kugel mit einem Durchmesser von 5,50 Meter. «Es ist auch ein künstlerisches Statement gegen Gewalt», sagt der Ideengeber, der in Kanada lebende Installationskünstler Ernest Daetwyler. Am 12. Dezember wird das Denkmal eingeweiht.
Der Zufall hat den 45-jährigen gebürtigen Zofinger 2007 nach Vorpommern geführt. Er hatte in der Schweiz eine chinesische Künstlerin kennengelernt, die später an der deutsch-polnischen Grenze arbeitete.
Als Daetwyler die Kollegin besuchte, kam er mit der Kriegsgeschichte einer Grenzregion in Berührung, die zu den strukturschwächsten gehört, ihre NS-Vergangenheit bis heute nicht aufgearbeitet hat und als Hochburg der rechtsextremen NPD gilt.
Ehrenbürger Hitler
So war Pasewalk 1933 eine der ersten Städte, die Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde verlieh und ihm sogar eine Gedächtnisstätte baute. Er hatte 1918 nach einer Gasvergiftung im Pasewalker Lazarett gelegen, wo er den Entschluss gefasst haben soll, in die Politik zu gehen. Die Ehrenbürgerschaft wurde erst 1995 aberkannt.
Die Stadt Pasewalk wurde zum Kriegsende 1945 zu rund 85 Prozent zerstört. Bauern fuhren die Trümmer mit Pferdefuhrwerken in den Ortsteil Friedberg am Stadtrand, wo sie überwuchert wurden. Der Historiker Wolfgang Brose zeigte Daetwyler die Stellen. «Da kam mir die Idee mit der Kugel».
Knapp 50 Kilometer entfernt liegt das heute polnische Police, Pasewalks Partnerstadt. Die Stadt hiess bis 1945 Pölitz und war im Zweiten Weltkrieg wegen des dortigen Chemiewerks bombardiert worden. «Auch dort lagen noch Trümmer und Reste von Waffen, die bezog ich mit ein», erläutert der Künstler.
Von Pro Helvetia ausgezeichnet
Noch bevor die Pasewalker von Daetwylers Plänen hörten, hatte dieser in Kanada einen Preis für seine Idee erhalten. «Das ‹Canada Council of the Arts› gab mir einen Kunstpreis, die erste Finanzierung war sicher», erzählt er.
Zwei weitere Preise in Kanada und von der Kulturstiftung Pro Helvetia folgten und auch Pasewalks Stadtvertreter stimmten zu, so dass der Bau im Juni 2009 beginnen konnte.
Der Standort ist gut gewählt: Der «Pasewalk Police Phönix» steht auf einem Grundstück, auf dem ein jüdischer Unternehmer vor der NS- Zeit eine grosse Giesserei betrieb. Der Mann wurde von den Nationalsozialisten enteignet und umgebracht, die Firma zerstört. Neben der Riesenkugel befindet sich Pasewalks «Leninhain», die in der DDR übliche Gedenkstätte für Opfer des Faschismus.
Kunst ist schön, Strassenbau ist schöner
Mit Hilfe von Freunden, Studenten und Schülern barg Daetwyler die Trümmer, reinigte sie und ummauerte damit ein Stahlkorsett, das ihm eine Künstlerkollege schweisste.
«Das Kunstwerk ist eigentlich ganz schön, aber wir bräuchten auch eine neue Strasse, eine Strassenbeleuchtung hatten wir noch nie», sagt eine Rentnerin, die vorsichtig vorbeigeht. «Solche Geschichtsaufarbeitung braucht ihre Zeit und manchmal einen Impuls von aussen», meint der Politologe Pfüller.
(rb/sda)