Märchen der Gebrüder Grimm als Inspiration: Dornröschen-Bild «Der Prinz betritt den Dornenwald» (1869) von Edward Burne-Jones. PD
Anmutig liegen die Schlafenden zwischen ornamentalen Rosenranken. So betörend ist der Anblick ihrer süssen Ruhe, dass auch der Prinz, der sich einen Weg durch die Dornenhecke gebahnt hat, um Dornröschen und ihren Hofstaat aus 100-jährigem Schlummer zu erlösen, zögert. Eine Welt des seligen Träumens hat Edward Burne-Jones in seinem Dornröschen-Zyklus geschaffen. Jahrzehnte hat er, geradezu besessen von dem Grimmschen Märchenstoff, an den Bildern gearbeitet. Und etwas von der Seligkeit des Träumens ergreift auch den Betrachter angesichts dieser so geschmeidig auf Rosen gebetteten Figuren.
Elegische Märchenwelten
Edward Burne-Jones (1833–1898) glaubte an das Schöne mit derselben religiösen Inbrunst, mit der er in seiner Jugend an Gott geglaubt hatte. In seinen exquisit gestalteten grossformatigen Gemälden schuf er elegische Märchenwelten, die den Betrachter über den Moment hinaus von den Zumutungen der beginnenden Moderne erlösen sollten. Fabriken, Eisenbahnen, Telegrafenmasten; Massentransport und Massenware missfielen dem Maler gründlich. Er sah sich als Magier, der dem Publikum einen Zauberspiegel vorhält.
Die sonst so pragmatischen Briten blickten nur zu gern in diesen Zauberspiegel. In Grossbritannien zählt Edward Burne-Jones auch heute zu den Grossen der Kunstgeschichte. Auf dem europäischen Kontinent hingegen ist er nur Kunstkennern ein Begriff. Dennoch würdigt das Kunstmuseum Bern den englischen Symbolisten in einer umfangreichen Schau, die in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart entstanden ist. Matthias Frehner, Direktor des Kunstmuseums Bern, betont, dass es um mehr als eine Ausstellungsübernahme geht. Die Staatsgalerie Stuttgart präsentierte neben ihren hauseigenen Schätzen wie dem Perseus-Zyklus auch in Europa kaum gezeigte Werke, etwa den «Schlaf des König Artus» aus dem Museo de Arte de Ponce auf Puerto Rico.
Hat Hodler abgekupfert?
Bern verzichtet auf kostspielige Leihgaben aus Übersee. Stattdessen inszeniert Kurator Simon Oberholzer einen Vergleich zwischen Edward Burne-Jones und Ferdinand Hodler. Einige Hodler-Bilder legen nahe, dass der berühmte Berner sich in der Bildkomposition am eine Generation älteren Briten orientiert hat. Die Figurengruppe in Hodlers «Eurythmie» zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit den Figuren des Gemäldes «Prinzessin Sabra zieht das Los» aus dem Sankt-Georgs-Zyklus von Burne-Jones. Hat Hodler abgekupfert?
Ein unangenehmer Gedanke, den Frehner mit der Überlegung abwehrt, Hodler habe ein zu seiner Zeit geläufiges Schema übernommen und eigenständig gestaltet. Hodlers Ehre ist noch einmal gerettet. Der Lokalbezug indes ist mit nur zwei in die Ausstellung integrierten Hodler-Werken gering. Natürlich ist es müssig, immer nur jene Kunstschaffenden zu zeigen, die ohnehin jeder kennt. Dennoch bleibt es ein Wagnis, eine aufwendige Ausstellung mit einem Künstler zu präsentieren, der in der Schweiz kaum bekannt ist. Das räumt auch Frehner ein, der das Burne-Jones-Experiment mit Publikumsgaranten wie Albert Anker flankiert.
Frehner verweist zudem auf aktuelle Themen im Werk Burne-Jones'. Die Konstruktion von Aktualität gehört längst zu den kuratorischen Standardübungen. Doch ist etwas daran. Zauberische Gegenwelten haben eindeutig wieder Konjunktur. Und das Kunstmuseum Bern hat mit der Ausstellung «Das irdische Paradies» eine Märchenschau eingerichtet, die in eine magische Zeit führt, als das Wünschen noch geholfen hat. Sanft getönte Wände bringen die verhaltene Farbpracht der Gemälde perfekt zur Geltung. Wer Harry Potter mag, könnte auch an Perseus in seiner verschnörkelten Rüstung Gefallen finden.
Edward Burne-Jones sah im Menschen immer den Pilger und in der Schönheit die Erlösung. Der Sohn eines einfachen Vergolders aus Birmingham wollte ursprünglich Priester werden. Nach drei Studienjahren in Oxford wechselte er zur Malerei. Der Präraffaelit Dante Gabriel Rossetti wurde sein Lehrer.
Salon-Sozialismus
Edward Burne-Jones sei ein Sucher des Inneren im Äusseren, schrieb Wassily Kandinsky. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Dichter und Gestalter William Morris, begeisterte sich Burne-Jones für Kunst und Dichtung des Mittelalters. Morris, Begründer der Arts-&-Crafts-Bewegung, hing einem romantischen Salon-Sozialismus an. Er bekämpfte die Industrialisierung per Wiederbelebung alter Handwerkskünste und versuchte mit eleganten Tapetendessins heilsame Schönheit in vermögende Häuser zu transportieren. Mit Fotos und Möbelstücken aus Morris' Werkstätten deutet die Schau an, dass Burne-Jones' Bildzyklen oft Teil einer schwülstigen Raumausstattung waren.
Unerreichbares Liebesideal
Ein zentrales Thema in der Sehnsuchts-Kunst von Burne-Jones ist die ideale Liebe, die wie im Minnesang als unerreichbares Ziel erscheint. Wenig ideale amouröse Verstrickungen im Kreis um Burne-Jones, Morris und Rossetti mögen zu dieser entrückten Vorstellung beigetragen haben. Das beeindruckende Gemälde «Die Liebe führt den Pilger», das einen Suchenden zeigt, der von Amor aus einem Dorngestrüpp geführt wird, ist denn auch in besinnlich dunklen Tönen gehalten. Und die von Morris ausgeführte Tapisserie «Der Pilger im Garten» zeigt den ewig Suchenden an einem Ziel, das dennoch nicht Erlösung ist: Das Gesicht der Geliebten erscheint in einer Rosenblüte, umgeben von Dornen. Selig sind bei Burne-Jones nur jene, die schlummern und träumen dürfen.
Die Ausstellung dauert bis 25. Juli.
Katalog: «Edward Burne-Jones. Das irdische Paradies», Hatje-Cantz-Verlag, 232 Seiten, 274 Abbildungen, 49 Franken.
(Tages-Anzeiger)