Neue Technologien wie etwa die Fotographie Ende des neunzehnten Jahrhunderts werden meist für pornographische Zwecke gebraucht. «Das Korsett» von Brassai, 1933.
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Man nennt Alan Moore «Shakespeare des Comics». Weil er abgründige, komplexe, spannende Comicromane schreibt. Und weil er damit neue Standards gesetzt hat. Dies war auch die Absicht seines letzten Werks «Lost Girls». Moore und seine Partnerin Melinda Gebbie hatten 16 Jahre daran gearbeitet mit dem Ziel, eines der ältesten, aber künstlerisch auch heikelsten Genres zu revolutionieren: Pornographie.
Die Reaktionen auf «Lost Girls» waren geteilt, was für den Exzentriker Moore wohl Anlass war, einen Essay nachzuschieben, in dem er seine Gedanken über Pornographie und Kunst ausführt. «25'000 Jahre erotische Freiheit» heisst die intellektuelle Nachbearbeitung von «Lost Girls», die bislang nur auf englisch erhältlich ist. Hübsch mit erotischer Kunst aus allen Jahrhunderten illustriert, führt Moore auf 89 Seiten aus, dass Erotik zur Kunst gehört wie der Krieg zur Geschichte der Zivilisation. Doch so interessant die Bilder sind, Moores Text sticht sie aus.
Restriktive Sexualpolitik
Der Comic-Künstler vertritt zwei Thesen: kulturgeschichtlich hätte ein liberales Verhältnis zur Sexualität zu kultureller Blüte geführt, repressive Sexualmoral hingegen in dunkle Zeitalter. Der Grund für Repression des sexuellen, so die zweite These, sei politisch in der Angst vor Kontrollverlust über die Untertanen gegründet. In einem dritten Schritt plädiert Moore für eine künstlerisch inspirierte Pornographie, die dieselben Standards anpeilen sollte wie Kunst oder Literatur, um den Menschen von seiner genuinen Scham und Einsamkeit zu befreien.
Plausible Thesen – und Moore entwirft und verfolgt sie mit einem Witz und einer sprachlichen Brillanz, die einfach unwiderstehlich ist. So beginnt er beispielsweise mit der Venus von Willendorf, beziehungsweise mit dem Comiczeichner Robert Crumb, der die Venus in einem seiner Comics als Onaniervorlage für Caveman Bob, den ersten Künstler, darstellt. «Wenn wir die Kultur zu ihren Anfängen zurückverfolgen», interpretiert Moore, «entdecken wir den Künstler als obsessiven, zwanghaften Masturbator – genau wie Crumb selbst – oder ich oder du oder alle, wenn wir ehrlich sind».
Lange Zeit habe man das als ganz natürlich erachtet, schreibt Moore. Die Griechen seien zwar Erotomanen gewesen, hätten der Welt aber auch Wissenschaft, Philosophie, Literatur und eigentlich die gesamte Zivilisation geschenkt. Und wenn auch das Christentum später den Untergang des römischen Reiches mit seinem Hang zu Dekadenz und Sinnesfreuden begründete, sei es eigentlich umgekehrt gewesen: Denn die Römer seien von Anfang an dekadent gewesen. Erst als Kaiser Konstantin das Christentum im römischen Reich implementiert habe, sei dessen Schicksal besiegelt gewesen.
Verschämt und allein
Aufschlussreich sind auch die Verbindungen, die Moore zwischen der Pornographie und technischen Erfindungen zieht. Jede neue Technologie wie der Buchdruck, der Film oder heute das Internet, sei sofort für pornographische Zwecke gebraucht worden. Deshalb ist es auch kaum erstaunlich, dass das 20. Jahrhundert mit seinen bahnbrechenden Erfindungen der Pornographie Tür und Tor geöffnet hat. Allerdings nicht in der Art, wie Moore es sich wünscht. Er zeichnet einen Bogen von den Pulp-Heften über das Burlesque-Theater zu den Filmen Russ Meyers und landet schliesslich in den Siebzigerjahren, als die Pornographie, nach den harten ideologischen Kämpfen der Sechzigerjahre, sich zum boomenden Massenmarkt entwickelte. Doch der in den Achtzigern aufkommende Heimvideomarkt habe die Pornographie ein weiteres Mal verändert – weg vom Anspruch, hin zur Billigproduktion. Doch nicht nur das, auch die Einstellung des Publikums habe sich dem Markt angepasst. «Während es ein befreiendes Erlebnis sein konnte, in einem gefüllten Kinosaal zu sitzen und sich inmitten anderer gewöhnlicher Menschen einen Pornofilm anzusehen, ist es eine völlig andere Erfahrung, sich einen Porno alleine hinter verschlossenen Türen anzuschauen. Das Erlebnis ist heimlichtuerisch und beschämend.»
Moore plädiert stattdessen für neue Masstäbe und Standards auch in der Pornographie – oder vermutlich möchte er mehr Künstler auffordern, sich dem Thema zuzuwenden. Denn Pornographie sei heute zwar überall, auch in der Kunst, aber sie werde kaum dazu benutzt, den Menschen in seiner Natur zu bestärken. Stattdessen werde nur immer wieder die Entfremdung betont.
Gute Pornographie, so Moore, müsste die sexuelle Vorstellungskraft aus der Kälte der Verbannung in die Wärme soziokultureller Akzeptanz führen. «Der grosse Unterschied zwischen Kunst und Pornografie ist, dass die Kunst es schafft, dass du dich weniger alleine fühlst. Pornografie auf der anderen Seite evoziert Gefühle von Selbstekel, Isolation und Elend.», schreibt Moore. Seine Comics und sein Essay sind ein erster Schritt dahin.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )