Das Haus, in dem er in Zürich logiert, hat er geerbt, die Wohnung, die er für sich beansprucht, ist ein Jugendstiltraum, acht oder zehn Zimmer mögen es sein. Die Möblierung ist spärlich – normalerweise wohnt Naegeli ja in Düsseldorf –, aber sehr alt und sehr schön, überall stehen und hängen Bilder, seine eigenen, seine gesammelten, manche auf Miniaturstaffeleien, die aktuellen aus der Serie der «Urwolke» auf grossen, weissen Staffeleien. An der «Urwolke» will er bis an sein Lebensende arbeiten, sie ist seine meditative Weiterführung der Spraykunst: Aus Tausenden von feinen schwarzen Strichen und Punkten verfertigt er jetzt keinen weichen, aber trotzdem zielgerichteten Strahl, sondern atmosphärische Nebel mit gelegentlichen Verdichtungen. Auch Landschaften zeichnet er so und Tiere, ganz fein, als wollten sie sich sofort wieder aus der Wahrnehmung der Betrachter flüchten.
Neckischer Totentanz
Der Blick geht über Zürich und ins Grün von ein paar Baumkronen, bei Harald Naegeli zu Hause ist es vorwiegend weiss, säuberlich geputzt, auf der Toilette steht ein Heer von Putzgeräten wie eine Skulpturensammlung von Giacometti. Einzig die bunten Leuchter aus Muranoglas mit den lila und rosa Blümchen und türkisen Blättern, die in Naegelis kargen Sälen hängen, verwundern. Auf einem Tisch liegt ein grüner Reclam-Band von Walter Benjamin, «Allegorien kultureller Erfahrung», in einer Vitrine steht eine Erstausgabe von Goethe. Naegeli spickt seine Rede mit ausholenden Zitaten von Hölderlin und Heine und grossen deklamatorischen Gesten. Dass da einer die Kunst und das Künstlersein über alles liebt, ist offensichtlich.
Der 1939 geborene Arztsohn hatte in Zürich an der Kunstgewerbeschule, in Paris an der Ecole des Beaux-Arts und am Konservatorium studiert und sich in den 60er-Jahren intensiv mit Zeichnungen alter Meister wie Dürer oder Altdorfer befasst. Später kam die asiatische Zeichenkunst dazu. Ende der 70er-Jahre wurde er als «Sprayer von Zürich» zum weltberühmten Graffiti-Anarchisten. 1979 floh Naegeli vor der Polizei nach Deutschland, wo nach illegalen Sprayaktionen ebenfalls nach ihm gefahndet wurde. Doch erst am 27. August 1983 wurde Harald Naegeli in Puttgarden auf der Ostseeinsel Fehmarn verhaftet (vgl. Artikel links) und mit neun Monaten Gefängnis unbedingt bestraft.
Unterstützung von Joseph Beuys und Willy Brandt
Zu seinen Unterstützern gehörten Joseph Beuys und Willy Brandt, und Naegeli, der den Deutschen eine grössere intellektuelle Agilität zuspricht – die Schweizer bezeichnet er gern als «kastriert» –, lebte bis vor zwei Jahren ganz in Düsseldorf. Er stellte in deutschen Galerien und Museen aus, die Stadt Köln belohnte er mit einem neckischen «Totentanz», mit grinsenden kleinen Skelettmännchen, die hinter Säulen hervorhuschten oder sich Treppen entlanghangelten. Überlebt haben nur wenige. Heute sind Naegelis Figuren, mit einem einzigen Sprühstrich gezeichnet, in Zürich noch in der Tiefgarage der ETH und am Deutschen Seminar der Universität (die zarte «Undine») zu besichtigen.
(Tages-Anzeiger)