«Dass sie ihre eigenen Lieder nicht mehr singen konnte, war ihre grosse Tragik»

Interview: Linus Schöpfer . Aktualisiert am 13.02.2012
Für die Schweizer Sängerin Nubya war die verstorbene Whitney Houston das Idol schlechthin. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt sie das Phänomen Houston.
topelement Über Houston zur Musik gekommen: Sängerin Nubya. Bild: Keystone Mehr Bilder (9)

Sie waren 1999 im Vorprogramm des Zürcher Auftritts von Whitney Houston. Wie haben Sie Houston erlebt?
Houston wurde abgeschirmt, ich konnte nicht mit ihr sprechen – sie war nicht so gut gelaunt und hatte einen schlechten Tag. In dieser Zeit hatte Houston erste Schwierigkeiten mit der Stimme, die Leichtigkeit kam abhanden, sie musste zu kämpfen beginnen. Ihr Umfeld war aber sehr herzlich, ihr Bruder kam mit den Tänzerinnen in unsere Kabine.

Stimmt es, dass Sie wegen Houston überhaupt erst mit Singen begonnen haben?
Tatsächlich! Als ich als kleines Mädchen ihr zweites Album «Whitney» hörte, kam das für mich einem Erweckungserlebnis gleich. Ich dachte: «Das will ich auch!»

Wie haben Sie die Todesnachricht aufgenommen?
Als mir ein Freund Houston-Videos schickte mit der Überschrift «The Voice is Gone», war ich erst komplett verwirrt, dann habe ich auf einer News-Seite die Todesnachricht entdeckt. Es war auch insofern speziell, weil wir gerade mit Houstons ehemaligem Arrangeur Skyler Jett für unsere neue Platte zusammenarbeiten.

Wie erklären Sie sich Houstons tragische Karriere?
Der Druck auf Weltstars wie Houston ist gewaltig und permanent; ich bekomme das ab und zu am Rande mit, auf Festivals oder Konzerten, wenn Weltstars auftreten. Es ist wohl ein Wechselbad zwischen dem Geliebtwerden einerseits, alle reissen sich um einen, andererseits die vielen Heuchelein und die grosse Einsamkeit. Houston war mit 19 ein Weltstar – wen erstaunt es da, dass sie die Bodenhaftung verlor. Irgendwann kann auch das eigentliche Umfeld, Freunde und Familie, nicht mehr helfen, weil einem ja immer einer nach dem Mund redet.

Interpretieren Sie eigentlich Houston-Stücke?
Einen einzigen Song habe ich mal gecovert: «I Wanna Dance With Somebody» – allerdings in einer komplett veränderten Version. Houstons gesangliche Messlatte lag fast unerreichbar hoch und genau das war ihre grosse Tragik: Dass sie ihre eigenen Lieder nicht mehr singen konnte, weil ihre Stimme versagte. Zu wissen, dass man die eigenen Stücke nicht mehr richtig interpretieren kann, ist für eine Sängerin etwas vom Schlimmsten, das passieren kann. Wenn man auf die Bühne muss und man genau weiss: Eigentlich schaffe ich das nicht mehr. Horror! Ich habe auch schon eine Ahnung dieses Gefühls gehabt, als ich krank aufgetreten bin. Diese Youtube-Videos ihrer letzten Welttournée waren schlimm; sie musste da durch, weil sie Verpflichtungen eingegangen war – aber am liebsten wäre sie wohl einfach verschwunden.

Sie haben Houstons Stimme angesprochen: Was macht deren Faszination aus?
Diese Stimme war einerseits eine Gabe, andererseits auch das Ergebnis langen und harten Trainings. Houston war von ganz klein auf Mitglied in einem Gospelchor, das merkt man, das Umfeld war ideal. Ihre Stimme war ein Naturereignis; ich habe die amerikanische Hymne nie mehr so berührend und eindrucksvoll gehört, wie sie Houston am Super Bowl gesungen hat. Die «Vocal Range», der Stimmumfang, war enorm, damit konnte sie auch in extremen Höhen scheinbar schwerelos und unangestrengt singen. Das hatte auch, und das wird häufig vergesssen, mit ihrer fantastischen Atemtechnik zu tun. Sie konnte Dinge singen, bei denen anderen schon längst der Schnauf ausgegangen wäre.

Wenn man die gegenwärtigen Casting-Shows betrachtet, hat es den Anschein, als ob sehr viele Mädchen Houston und ihrem auf Virtuosität bedachten Gesangsstil nacheiferten.
Das ist grundsätzlich zu begrüssen, allerdings sollte es nicht zu techniklastig, zu verschnörkelt wirken. Es geht in der Musik nicht um «Höher, schneller, weiter», um das blosse Geriffe – das ist langweilig! Houston selber hat ja lange Zeit sehr gradlinig gesungen. Die Schnörkeleien, wie man sie insbesondere von Mariah Carey kennt, kamen erst später dazu.

Was bleibt – abseits der Tages- und Modeerscheinungen – von Whitney Houston?
Houstons kraftvolle und zugleich leichte und faktisch unerreichbare Stimme wird einmalig bleiben. Sie ist eine Ikone.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 13.02.2012, 15:29 Uhr

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