Mehr als eine grosse Stimme

Von Lukas Rüttimann, Los Angeles . Aktualisiert am 12.02.2012
Nach Whitney Houstons Tod stehen die USA unter Schock. Die Sängerin war Teil der amerikanischen Identität. Ein Nachruf.
topelement Whitney Houston kommt als zweites Kind von John und Emily «Cissy» Houston am 9. Oktober 1963 zur Welt. Ihre Mutter Cissy war 1969 als Sängerin bei den Sweet Inspirations, der Begleitgruppe von Elvis Presley, sowie unter anderem bei Jimi Hendrix engagiert. Mehr Bilder (12)

Wenn es um das kollektive Aufarbeiten von Tragödien geht, sind die USA noch immer Weltmacht Nummer eins. Nur wenige Minuten, nachdem ihr Ableben in einer Suite des Beverly Hilton Hotel publik gemacht wurde, ist das gemeinsame Trauern in Los Angeles Bürgerpflicht. «Haben Sie das von Whitney vernommen?», fragt eine afroamerikanische Verkäuferin an der Kasse der Apothekenkette Rite Aid mit geröteten Augen und gesenktem Blick. Die Antworten dürften im ganzen Land ähnlich ausfallen: Ja. Ein Schock. Nicht überraschend, aber unerwartet. Diese Stimme. Das arme Kind. Ruhm. Alkohol. Drogen. Welche Verschwendung. Bobby Brown, dieses Arsch.

Eben dieser Brown ist am Abend bei einem Konzert mit seiner Band in Mississippi zusammengebrochen, nachdem er zuvor für seine verstorbene Ex-Frau die Worte «Whitney I Love You» ins Publikum geschrien haben soll. Im Netz schwappt ein Tsunami an prominenten Kondolenzbekundungen über die sozialen Netzwerke. Produzent Qunicy Jones ist «am Boden zerstört», Chartstürmerin Rihanna hat «keine Worte, nur Tränen», Rapperin Nicki Minaj findet «alle, bloss nicht Whitney, die Grösste aller Zeiten», und Country-Star LeAnn Rimes hofft «dass Whitney jetzt mit den Engeln singt». Vor dem Beverly Hilton Hotel am Santa Monica Boulevard versammeln sich stündlich mehr Menschen. Sie zünden Kerzen an, reden, singen und geben TV-Interviews.

Eine morbide Party

Aus dem Hotel sind während dessen die Klänge der Grammy-Vorabend-Party von Houstons Mentor Clive Davies zu vernehmen. Der Auftritt des 79-Jährigen Arista-Boss zusammen mit seiner Muse gehörte vor früheren Grammy-Shows zum Ritual. Diesmal feiert der Mogul ohne sie. Obwohl der Leichnam der toten Sängerin sich noch im Hotel befinden dürfte, findet die Party im Beverly Hilton Hotel statt. Nur wenige Stunden, nachdem ein Bodyguard die leblose Sängerin dort entdeckt und der medizinische Notfalldienst 20 Minuten lang vergeblich versucht hat, sie ins Leben zurück zu holen.

Nicht nur geladene Gäste wie Miley Cyrus oder Kelly Osbourne finden das offenbar wenig angemessen und bleiben dem Anlass fern. Zur gleichen Zeit versuchen trauerende Showbiz-Kollegen wie Alicia Keys, Britney Spears, P. Diddy oder Kim Kardashian, dem merkwürdigen Event eine angemessene Stimmung zu verleihen. Tragisch und surreal sind die beiden am meisten vernommenen Worte, um die Szenerie rund um das Beverly Hilton in diesen Stunden zu beschreiben. Worte, die auch zum Leben von Whitney Houston passen, scheint doch bei kaum einem anderen Popstar der Absturz so sinnlos wie bei ihr.

Makelloses Amerika

Denn bei Whitney Houston standen die Zeichen von Anfang an auf Sieg. Doch als sie ihn hatte, warf sie alles weg. Gefördert und behütet von einem hochdotierten Showbiz-Umfeld stürmte die Cousine respektive das Patenkind der Soul-Grössen Aretha Franklin und Dionne Warwick mit Hits wie «How Will I Know» Mitte der Achtziger die Charts. Ihr jungfräulicher Charme und ihre atemberaubende Schönheit brachten nicht nur Serge Gainsbourg um den Verstand, dessen legendäre Unverschämtheit am französischen Live-TV («I wanna f… you ») ihr hinter der Bühne einen Nervenzusammenbruch bescherte.

Auch die Hüter der amerikanischen Sitten sahen die Videos der gottesfürchtigen Gesangsschönheit lieber auf MTV als jene der mit Kruzifixen masturbierenden Madonna. Whitney Houston, das war das makellose Gesicht des sauberen Amerika. Jung, vital, schön und vor allem – erfolgreich. 170 Millionen verkaufte Platten, sechs Grammys und sieben Nummer eins Hits in den USA hintereinander machten sie zur vielleicht erfolgreichsten Sängerin aller Zeiten. Ihr Auftritt an der Seite von Kevin Costner in «Bodyguard» bescherten dem Filmstudio Einnahmen von fast einer halben Milliarde Dollar.

Heiraten mit Whitney

Doch für Amerikanerinnen und Amerikaner war sie sehr viel mehr als nur eine aussergewöhnliche Stimme und ein schönes Gesicht. Stärker noch als in Europa begleitete Whitney Houston viele Menschen gewollt oder nicht durch ihr Leben. Egal, ob man «I Will Always Love You» längst satt gehört oder nicht – als Hochzeitssong oder Liebesbezeugung ist der Titel bis heute ohne Konkurrenz. «The Greatest Love of All» und «One Moment in Time» sind Hymnen von überirdischer Grösse und werden nicht umsonst heute noch bei jedem emotionalen Moment am US-TV eingesetzt. «I’m Every Woman» und «I Have Nothing» sind Afro- bzw. Frauenpower pur – und Houstons Version der Nationalhymne «The Star-Spangled Banner» stürmte nicht nur die Charts, sonder einte 1991 ein ganzes Volk in Anbetracht ihrer denkwürdigen Performance beim Super Bowl in Tampa, Florida.

Mit Whitney Houston ist ein Teil der amerikanischen Identität verstummt. Dass dazu auch jene Schattenseiten gehören, die wohl für ihren tragischen Tod verantwortlich sind, passt. Denn ganz egal wie schlimm es um ihre Ehe, ihre Drogensucht, ihre Finanzen oder Gesundheit stand – für die Amerikaner wird Whitney immer das strahlend schöne Gesicht des gelebten amerikanischen Traums bleiben. Schuld an ihrem Übel ist für sie ohnehin Bobby Brown, der aus dem braven Mädchen eine launische Diva machte und sie in die Crack-Sucht trieb. Selbst ihr gescheitertes Comeback mit desaströsen Auftritten wie jenem in Moskau 2009 konnten die Amerikaner nicht in ihrem Glauben an sie erschüttern.

The Show must go on

Kein Wunder wollte ihr auch Hollywood dieses Jahr die Chance geben, sich mit einer Rolle in der Supremes-Biographie «Sparkle» aus ihrer von der Klatschpresse kolportierten finanziellen Misere zu befreien. Auch für die Casting-Show «X-Factor» war sie als Jurorin im Gespräch – nicht zuletzt, weil ihre Tonspanne aus «I Will Always Love You» noch heute Benchmark für jedes Casting-Talent auf der ganzen Welt ist. Allein – the Show must go on. Man werde versuchen, die Grammys dem tragischen Ereignis entsprechend umzugestalten, teilte Show-Produzent Ken Ehrlich gegen Mitternacht den TV-Sender NBC mit. Alles andere, als dass die 54. Grammys heute Abend zur grossen Gedenkveranstaltung einer amerikanischen Ikone werden, wäre eine Überraschung.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 12.02.2012, 11:51 Uhr

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