Posterboy wird Phrasendrescher

Von Michael Gurtner . Aktualisiert am 28.10.2009
Strokes-Sänger Julian Casablancas schafft es mit «Phrazes for the Young» im bandinternen Wettstreit nur auf Platz zwei.

Es sind Zeilen, die in jedem mittelmässig beleumundeten Ratgeberbändchen auftauchen könnten: «Ärger ist Schwäche, Geduld ist Stärke.» – «Versuche keinen Rat zu geben, den du nicht selber befolgen kannst.» – «Sprich über die Abwesenden, als ob sie zuhörten.» Was Julian Casablancas im Booklet seiner ersten Solo-CD zu den Songtiteln dazuschreibt, sind hübsche Sätzchen, bestimmt. Aber «Phrazes for the Young»? Wohl kaum. Schon viel eher simple Phrasendrescherei. Revolutionäres klingt anders.

Dabei gab es eine Zeit, da trug die Indie-Rock-Revolution den Namen The Strokes. Die New Yorker Hoffnungsträger waren 2001 die hippste Truppe weit und breit – Und Julian Casablancas als Sänger deren Aushängeschild: jung, gut aussehend, begabt, unschlagbar. Doch nach dem umjubelten Debüt «Is This It» sanken Inspiration und CD-Verkäufe im Gleichschritt. Zuletzt blieb es seit «First Impressions of Earth» (2006) still um die Strokes.

Es droht die Teilnahmslosigkeit

Die Bandmitglieder werkelten fortan in erster Linie an eigenen Projekten: Da war Gitarrist Albert Hammond Jr., der gleich mit zwei Solo-CDs aufwartete, da war Schlagzeuger Fab Moretti, der sich mit der Band Little Joy vergnügte, da war Bassist Nikolai Fraiture mit seinem Nickel-Eye-Projekt. Und da ist endlich auch Frontmann Casablancas mit dem lang erwarteten Solodebüt.

Zum Auftakt präsentiert der 31-Jährige die flotte Indie-Rock-Nummer «Out of the Blue». So weit, so wenig überraschend. Doch dann verlässt Casablancas die ausgelatschten Pfade und lässt sich auf musikalische Abenteuer ein. Für die elektropoppige Single «11th Dimension» oder «Left and Right in the Dark» fährt er Synthesizer und artifizielle Drumbeats auf, mischt sie mit der Strokes-typischen Coolness. Aber Obacht: Diese kippt immer wieder gefährlich in Richtung Teilnahmslosigkeit. Da hilft es denn auch wenig, dass durch die «Ludlow Street» ein netter Folkhauch weht und das ziemlich ziellose «Glass» wie das stilisierte CD-Cover mit Hund förmlich «Kunst!» zu schreien scheint.

Nur scheinbar unschlagbar

Nach gerade mal acht Songs ist Feierabend. Haften bleibt kaum etwas, eingängig sind bloss die Allerweltsweisheiten im CD-Booklet. Und das ist eindeutig zu wenig für einen Hoffnungsträger. Zumal Julian Casablancas eigentlich durchaus was zu sagen hätte – und sich gleich in den ersten Zeilen des ersten Songs gewillt zeigt, Tiefen auszuloten («Somewhere along the way, my hopefulness turned to sadness / Somewhere along the way, my sadness turned to bitterness»).

So aber zieht der scheinbar Unschlagbare mit dem ebenso ambitionierten wie zwiespältigen «Phrazes for the Young» sogar im bandinternen Vergleich den Kürzeren: Zwar platziert er sich vor dem monoton-mühsamen Nickel-Eye-Album «The Time of the Assassins». Doch die Spitzenposition in der Hitparade der Strokes-Soloprojekte muss Casablancas Albert Hammond Jr. überlassen. Dessen Zweitling «¿Cómo te llamas?» ist zwar weniger exaltiert als «Phrazes for the Young». Dafür punktet Hammond mit starken, firlefanzfreien Rocksongs à la «Victory in Monterey».

Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich Casablancas, Hammond Jr. und Co. wieder zum Kollektiv zusammenraufen – schliesslich ist für 2010 das vierte Strokes-Album angekündigt. Die Abenteuerlust kann Julian Casablancas durchaus beibehalten. Die Phrasen aber, die kann er sich getrost schenken.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.10.2009, 11:30 Uhr

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