Ebony Bones macht Musik, wie niemand sie sonst macht. Eigenwillig ist auch ihr Kleidungsstil.
PD
Es ist selten künstlerisch Lohnendes zu erwarten, wenn Soap-Opera-Vedetten ins Musikfach wechseln – die Yvonne Catterfelds und Jeannette Biedermänner dieser Welt haben nichts zuwege gebracht, was uns froh gestimmt hätte: CDs mit unschönen «Powered by Pro 7»-Aufklebern, Alben, welche die grossen Instant-Gefühle des täglichen Fernsehformats in Musik übersetzen.
Einstieg bei Telenovela
Auch Ebony Thomas war ein Soap-Sternchen. Im Alter von 16 Jahren stieg sie bei der englischen Telenovela «Family Affairs» auf Channel 5 ein und wurde in der Rolle des nervigen Fashion Victims Yasmin MacKenzie zur nationalen Berühmtheit (inklusive Nominationen für die «Beste komödiantische Darbietung» und die «Sexiest Schauspielerin»). «Irgendwann hat mich das Ganze zu langweilen begonnen», sagt Ebony Thomas heute. Sie begann, in ihrer Wohnung Musik zu machen, «Musik, die anders klingen sollte als der ganze Schund, der täglich im Radio gespielt wird; Musik, die anders klingen sollte als das, was man von einer dunkelhäutigen Engländerin erwartet».
Und am 8. November 2005 – vier Tage, nachdem die letzte «Family Affairs»-Episode abgedreht war – stellte Ebony Thomas unter dem Namen Ebony Bones einen ersten eigenen Song auf die Internetplattform Myspace. Was in den folgenden dreieinhalb Jahren geschah, ist heute gemeinhin unter dem Begriff Internetwunder bekannt: «Die Sache hat eine sonderbare Eigendynamik entwickelt», sinniert Ebony Thomas, «ich hatte kein Label, keinen Manager, aber offenbar hatte ich eine Musik erfunden, die den Nerv einer Generation trifft.»
Einsamkeit und Dämonen
Bis zum letzten Sommer, als das Debütalbum von Ebony Bones erschien, kursierten von ihr lediglich eine Single und einige limitierte Vinyl-Auskoppelungen in DJ- und Sammlerkreisen. Dass sie das nächste grosse Ding aus London werden würde, darüber waren sich aber schon länger alle einig. Und ja, die vorauseilenden Superlative sind in diesem Fall auch wieder einmal mit wirklich unerhörter Musik besetzt. «Bone of My Bones» heisst das Werk – ein Triumph der musikalischen Unbekümmertheit.
Es geht wild zu und her auf diesem extraordinären Album. Tribal, Disco, New Wave und Post Punk werden zu einem eigensinnigen, ungezähmten, aber stets liebenswerten Bastard zusammengeknetet. Praktisch sämtliche Instrumente wurden von Ebony Thomas im heimischen Appartment eingespielt, ebenso die windschiefen Chöre und Gesangsspuren. «Ich glaube nicht an demokratische Werte in der Kunst», sagt die musikalische Autodidaktin zu ihrer autonomen Arbeitsweise. «Ich brauche diese Einsamkeit im Schaffensprozess. Sobald jemand den Raum betritt, beginne ich, meine Ideen mit Kompromissen zu verwässern. Aber es ist gleichzeitig ein aufreibender Prozess. So unbekümmert meine Musik am Ende klingt: Es mussten eine ganze Menge Selbstzweifel eliminiert werden, bevor ich den Mut aufbrachte, ernsthaft an einer CD zu arbeiten.»
Anzuhören ist das der Musik nie. Nachdenklichkeit gehört nicht zu den Posen, in die sich Ebony Bones wirft. Hier wird eine Party gefeiert, an der zuweilen die Fetzen fliegen, an der Hemmungen, Sachzwänge oder Eitelkeiten in den Boden gestampft werden. Diese Lust am Eklektizismus, an der Neuverkabelung der Popmusik, dieses Desinteresse an künstlerischen Prinzipien und dieses Verwirrspiel mit musikalischen Herkünften hat Ebony Bones viele Vergleiche mit der sri-lankischen Dancefloor-Avantgardistin M.I.A. eingebracht. Vergleiche, die sie nicht gerne hört: «Das ist flüchtig beobachtet, eine Art von Lady-Journalismus, der mich zornig macht. Niemand käme auf die Idee, The Clash und Prince miteinander zu vergleichen, bloss weil beide dem musikalischen Eklektizismus frönen. Wenn aber zwei Frauen mit dunkler Hautfarbe dies tun, ist die Stilschublade schnell geschnitzt.»
In der Punktradition
Ebony Bones sieht sich am ehesten in der Tradition von Post-Punk-Bands wie der aufmüpfig-verschrobenen Girlgroup The Slits oder den New-Wave-Funkern Liquid Liquid, und doch findet ihr hyperaktiv-aufbrausendes Debütwerk kein adäquates Pendant in der Musikgeschichte. Da kollidieren grobschlächtig programmierte Beats mit einem scheppernden Schlagzeug, da wird Disco mit Indie-Gitarren gekreuzt, mal wähnt man sich an einem Punk-Karneval, mal an einem so rätselhaften wie munteren Ethno-Fruchtbarkeitsritual.
Gerade in den Konzerten von Ebony Bones wird diese Verwirrung noch potenziert. Sie gelten weitherum als Festlichkeiten von nachhaltig farbenfroher Ausgelassenheit. «Meine Konzerte sollen Spektakel sein», sagt Ebony Thomas denn auch, «ähnlich wie sie eines meiner grössten Idole – der Nigerianer Fela Kuti – zu zelebrieren pflegte. Es naht die Zeit, in der mit Musiktonträgern kein Geld mehr zu verdienen ist und sich die Musik hauptsächlich auf der Bühne abspielen wird. Für diese Epoche will ich gewappnet sein.»
Und wenn sie so spricht, diese 24-jährige Musiknovizin mit der augenscheinlichen Vorliebe für signalfarbene Textilien, wächst die Verwunderung darüber, dass ein solches Gesamtkunstwerk tatsächlich ohne raffiniert gestrickten Masterplan heranwachsen konnte. In Anbetracht dieser verblüffenden, hochtrabenden Musik ist man ausnahmsweise bereit, an ein Wunder zu glauben.
(Der Bund)