«Ich bin hier in einen Intrigantensumpf geschlittert»: Matthias Hartmann. Bild: Dominique Meienberg
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Die letzte Premiere ist vorbei, und in die viel diskutierte Villa am See ist bereits eine Promi-Zahnärztin eingezogen. Abschiedsschmerz?
Ich geniesse es, mit Wien wieder in einer Stadt zu leben, die das Theater liebt. Ich hatte fast vergessen, wie schön das ist.
Von der Hölle ins Paradies?
Paradiese entstehen im Kopf. Jetzt ist alles in Erwartung, man sehnt sich, träumt. Und natürlich kann das auch schnell zu Ende gehen.
Vorerst aber träumen Sie von Goethes «Faust», mit dem Sie im Herbst Ihre Direktion am Burgtheater beginnen wollen?
«Faust» ist nicht zu bewältigen, das weiss ja jeder. Also träum ich umso mehr. Theatermachen ist immer Scheitern...
... wieder scheitern, besser scheitern», sagt Beckett...
...und bei «Faust» ist es vorprogrammiert. Im Moment sehe ich zwar das Ziel, habe aber noch keine Ahnung, wo es dahin langgeht. Doch ich bin 45 Jahre alt, habe einiges erlebt, fühle mich vital und berufen, diese ungeheure Sache jetzt zu machen.
Bevor wir mit Faust im Himmel enden, sollten wir nochmals in die Hölle zurückkehren. Was bleibt von Ihren vier Zürcher Jahren?
Das müssen unsere Zuschauer sagen.
Und was bleibt bei Ihnen?
In den letzten 23 Jahren gab es am Burgtheater zwei Intendanten; am Zürcher Schauspielhaus sieben. Das spricht doch für sich. In Zürich muss es einen Systemfehler geben, und das müsste den verantwortlichen Leuten doch endlich mal klar werden. Ich verstehe nicht, warum die Zürcher aus dieser Schmach nichts lernen wollen.
Aber im Unterschied zu Ihren Vorgängern gehen Sie freiwillig.
Richtig, aber auch nur, weil ich frühzeitig meinen Wechsel nach Wien bekannt gab. Im Intrigantensumpf, in den ich in Zürich geschlittert bin, hätte man meinen zornigen Protest auf Dauer nicht ausgehalten. Mein Trompeten ist mir vorgeworfen worden, auch von Leuten, die ich mag. Aber anders hätte ich es einfach nicht ertragen.
Sie haben gelitten und zornig Trompete geblasen – gab es auch Gutes in Zürich?
Ja, viele Dinge lassen mich meine Schweizer Nachhilfestunde durchaus wertschätzen.
Zum Beispiel?
Etwa die Gesprächskultur. Ich habe gelernt, nicht einfach «ich finde» zu sagen und damit andere Meinungen auszuschalten, sondern ihnen Raum zu geben, damit etwas Gemeinsames entstehen kann. Das wollen mein Team und ich mitnehmen. Allerdings, der Baccalaureus in «Faust II» sagt: «Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.» Der Baccalaureus ist keine sympathische Figur, und doch hat dieser Satz auch etwas für sich.
Geschrieben hat ihn ein Deutscher.
Ja, und der Baccalaureus ist einer der deutschesten Deutschen. Trotzdem stimmt es, dass in diesem Graubereich zwischen Höflichkeit und Lüge einiges verschwimmt. Da wird dann die schweizerische Gesprächskultur problematisch: Ich weiss nicht mehr, wo sie Raum für andere Meinungen gibt und wo sie Heuchelei ist.
Abgesehen vom Schauspielhaus wird in Zürich also viel gelogen.
Wahnsinnig viel.
Darum haben Sie wohl kürzlich im «Göttinger Tageblatt» die Wahrheitsliebe der Wiener gelobt.
Das habe ich so nicht gesagt.
Ich zitiere Sie: «In Wien sagt man es wenigstens, wenn einem etwas nicht passt. Mit klaren Aussagen kann ich leben.»
In Wien wird gelogen wie überall. Aber was ich nicht mag, ist, in Rütli-Schwur-Augen zu gucken und per Handschlag die Welt versprochen zu kriegen – und dann passiert das Gegenteil, die vollmundigen Zusagen lösen sich in nichts auf. Das habe ich in Zürich erlebt, und das möchte ich nicht noch einmal erleben.
Sehen Sie sich auch als Opfer antideutscher Ressentiments in der Schweiz?
Selbstverständlich. Wie alle Deutschen in der Schweiz.
Könnte es sein, dass auch Sie Fehler gemacht haben?
Welche würden Sie denn sehen?
Sie sind immer wieder unnötig schroff und undiplomatisch aufgetreten.
Stadtpräsident Ledergerber wollte mir in seinem Büro einen Maulkorb verpassen, und das habe ich nicht akzeptiert – wenn Sie das meinen, bin ich gern schroff.
Journalisten sind immer gegen Maulkörbe. Aber bestimmt hätten Sie in Konfliktsituationen mehr erreicht, wenn Sie sich nicht so schroff und stur gegeben hätten.
Bevor Sie dieses Klischee von mir weiterverbreiten, muss ich Sie daran erinnern, in welchem unflätigen Ton ich von der Gewerkschaft und ihren Helfershelfern aus dem Schauspielhaus angegriffen wurde. Verglichen damit hatte ich ein zartes Engelsstimmchen.
Hatte der Kulturschock, der Zürich für Sie war, auch damit zu tun, dass hier die Demokratie anders praktiziert wird als in Deutschland?
Am Anfang habe ich darüber gelacht, als ich ständig nach dem Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern gefragt wurde. Jetzt frage ich zurück: Was ist denn los mit euch? Warum müsst ihr euch ständig definieren? Warum müsst ihr jeden Fremden fragen, wie er sich als Fremder empfindet? Das ist zutiefst provinziell.
Warum?
Weil es nicht ehrlich gemeint, sondern heimtückisch ist. Anfangs habe ich immer geantwortet, der Unterschied zwischen einem Bayern und einem Ostfriesen sei viel grösser als der zwischen einem Schwaben und einem Schweizer. Aber der Scherz stimmt nicht. Die Schweizer unterscheiden sich in Wirklichkeit viel stärker. Ihre Umgangsformen sind denen der Asiaten viel verwandter als denen der Deutschen.
Da müssen Sie sich sehr fremd vorgekommen sein in diesen vier Zürcher Jahren.
Ich habe hier auch sehr viele gute Freunde gewonnen.
Schweizer?
Ja.
Dabei haben die Schweizer doch immer das Bedürfnis, sich zu definieren und abzugrenzen?
Journalisten haben dieses Bedürfnis am stärksten.
Einmal mehr sind die Medien schuld.
In diesem Falle ja. Sie müssten sich wirklich mal fragen, welche Rolle die Medien in der Geschichte des Schauspielhauses gespielt haben. Warum es nicht mehr Euphorie gab. Das Schauspielhaus ist nie wirklich geliebt und geschützt worden von den Medien. Aber nicht nur die Medien könnte man sagen, auch dass die technische Belegschaft es duldete, sich auf Kosten der Kunst am Betrieb einseitig zu bereichern, empfinde ich als eingefleischter, aus dem Ruhrgebiet kommender Theatermann als zutiefst unsolidarisch.
Und jetzt geniessen Sie die Liebe der Wiener «Kronen Zeitung»?
Jetzt werden Sie wieder ironisch. Dabei wissen Sie doch selbst, dass Wien eine sehr vielfältige Zeitungslandschaft hat. Da herrscht nie nur eine Meinung. Aber die Zeitungen berichten täglich, was am Theater los ist. In Zürich dagegen, einer vergleichsweise kleinen Stadt, gibt es zwei mächtige Zeitungen, und in beiden sitzen ziemlich griesgrämige Leute.
Sie fühlen sich zu wenig gewürdigt?
Wir können auf eine sehr erfolgreiche Zeit zurückblicken. Die Zuschauerzahlen dieser letzten Spielzeit sind prächtig. Gute Regisseure hatten Lust, hier zu arbeiten, und gute Schauspieler kamen. Wir werden auf wichtige Festivals eingeladen. Und trotzdem fehlt es der Stadt an Leidenschaft für das Theater, und die Medien tun nichts dafür, sie zu entfachen. Das ist wohl etwas sehr Schweizerisches oder Zürcherisches. Ich habe die Euphorie vermisst, die ich in Bochum verspürt habe, die Leidenschaft, die ich jetzt in Wien wieder erlebe.
Sie waren der König von Bochum und sind jetzt der König von Wien – und dazwischen war das traumatische Erlebnis der Schweizer Demokratie. Wir haben hier keine Könige, das ist Ihr Problem.
Ich mag Leute, die an das Gute im Schweizer System glauben. Aber Sie vermuten es am falschen Ort. Die von Ihnen geliebten demokratischen Instanzen haben aus mir erst das Feindbild gemacht, um es dann abzustossen. Ich hatte mich bei Antritt meiner Stelle – in Ihrer Logik ganz «undeutsch» – völlig den Gremien übergeben, habe gegen aussen nur Dinge vertreten, die ihren Segen hatten. Und als ich mich umdrehte, waren sie weg. Ich stand mit kurzen Hosen da. Und ihr hattet euren Deutschen. Dass ich ausserdem ein Haus, das mir vom Stadtpräsidenten angeboten wird, nicht mieten darf, das habe ich tatsächlich nicht gewusst. In Zürich haben sich die Leute furchtbar echauffiert, dass ich in diesem grossen Haus am See gelebt habe. Es gab bei gutem Wetter keinen Tag, an dem nicht Männer mit Glatze und Schwiegermütter mit Kinderwagen vor meinem Haus standen und den Kopf geschüttelt haben. Und ich konnte von ihren Lippen die Entrüstung darüber ablesen, dass hier ein Mann lebt, der ein Theater leitet.
Wo wohnen Sie in Wien? In einem Schloss?
Erscheint dieses Interview im Feuilleton? Wir wissen noch nicht, wo wir wohnen werden. Aber was ich weiss, ist, dass die Entrüstung, die ich in Zürich erlebt habe, weder in Bochum noch in Wien möglich wäre.
Sind Sie wenigstens mit dem künstlerisch Erreichten zufrieden?
Was bei mir den Ausschlag für Zürich gegenüber Hamburg gab, war der Schiffbau. Ich hatte in Bochum angefangen, anders Theater zu machen, in anderen Räumen. Das wollte ich fortsetzen. Dass die Stadt sich aber partout nicht bekennen und Eigentümer dieser einzigartigen Spielstätte werden will, versteht kein Mensch auf der Welt.
Auch der Verwaltungsrat des Schauspielhauses wirkte da hilflos.
Es gibt ein Grundproblem: Im Selbstverständnis der Aktiengesellschaft wird das strategische Geschäft dieses Theaters vom Verwaltungsrat geleitet. Aber der Verwaltungsrat kann ein Theater gar nicht leiten, weil er künstlerisch inkompetent ist. Um dem Verwaltungsrat wenigstens die Hoheit über das finanzielle Thema zu sichern, wird hier der Unterschied zwischen Kunst und Geld gemacht. Das Problem ist nur, dass erst die künstlerischen Entscheidungen das Geld generieren. De facto hat der Verwaltungsrat also gar nichts zu tun. Aus diesem Vakuum und aus diesem Streben nach Daseinsberechtigung heraus entwickelt der Verwaltungsrat andauernd Aktivitäten in den Dunst hinein.
Also Abschaffung des Verwaltungsrats?
Ja, so wie er hier ist und wenn man sich die Geschichte des Zürcher Schauspielhauses und seiner gefeuerten Direktoren vergegenwärtigt: unbedingt. Ich würde empirisch vorgehen und mich umschauen, wo Theater gut funktionieren. Und dann würde ich mir an den dortigen Strukturen ein Beispiel nehmen. Das ist mein Rat. Darüber hinaus begrüsse ich es, dass ein Verwaltungsrat existiert, um die notwendigen Kontrollfunktionen auszuüben.
Ihr Rat blieb bisher ungehört.
Statt empirisch vorzugehen, engagiert man teure Unternehmensberater. So hatte ich bei einem anzutreten, um mir das Aktienrecht erklären zu lassen! Dieser Unternehmensberater ist das grösste Arschloch, dem ich je begegnet bin. Weil er für wahnsinnig viel Geld jemandem einen Beruf erklärt, von dem er keine Ahnung hat. Dabei ist die Sache im Grunde doch ganz einfach. Zwei Drittel des Geldes kommen am Schauspielhaus von Stadt und Kanton. Ein Drittel sind die Kasseneinnahmen; wie die zustandekommen, entscheidet einzig und allein das künstlerische Team mit dem Spielplan. Das ist das strategische Geschäft eines Theaters. Bleibt auf der Einnahmenseite für den Verwaltungsrat die Aufgabe, Sponsoren zu suchen – macht er aber nicht. Stattdessen entwickelt er nebulöse Aktivitäten. Und schmeisst zwischendurch immer wieder mal einen Direktor raus. Aber ich bin jetzt in Wien und freue mich auf meine Arbeit am Burgtheater.
(Tages-Anzeiger)