Frauen ab 30 sollten nicht Mister Perfect suchen, sondern sich an Mister Good Enough halten, findet Lori Gottlieb. Bild: WireImage Foto: Voller Ernst
Sie klingt unromantisch, die These von Lori Gottlieb, und natürlich hat sie entsprechend für Furore und noch vielmehr für Empörung gesorgt: Frauen, verkündet die 42-Jährige nämlich, sollten endlich die rosarote Brille absetzen und aufhören, den Traumprinzen zu suchen, erst recht, wenn sie über 30 seien und Kinder wollten. Dann sei es vielmehr Zeit für den nicht ganz so perfekten Mann.
Der Aufschrei nach der Publikation ihres Artikels im «Atlantic Magazine» vor einem Jahr war so gross, dass sie in der Folge ein ganzes Buch zum Thema geschrieben hat; es ist gestern erschienen. Dass der Termin für die deutsche Übersetzung bereits feststeht (Juni), ist wohl kein Zufall: Das Buch hat Bestseller-Potenzial. Zumindest bei Frauen über 30.
Und die heulten kollektiv auf angesichts von Gottliebs Analyse. Sie schimpften sie rückständig und unemanzipiert und berechnend. Dabei macht Gottlieb im Grunde nicht mehr, als gewissen Tatsachen ins Auge zu blicken und daraus Schlüsse zu ziehen, sehr nüchtern und sehr pragmatisch. Oder auch: sehr zielorientiert, indem sie nämlich sagt: Jede Frau, die einmal eine Familie haben will, sollte sich bewusst sein, dass sie es sich ab einem gewissen Alter nicht mehr leisten kann, einen guten, aber nicht perfekten Mann zu verlassen.
Der Zahn der Zeit
Zum einen, weil die biologische Uhr ticke, was sie unzimperlich so formuliert: «Ihr mögt nicht aussehen wie 35. Eure Eier aber sind es.» Und zum anderen, weil Mittdreissigerinnen mit Kinderwunsch klar sein müsse, dass sie auf dem Markt nicht mehr zur begehrtesten Ware gehörten. Die Damen hätten höchste Ansprüche, würden dabei aber in einer gewissen Arroganz verkennen, dass sie selbst möglicherweise gar nicht so perfekt seien, und das nicht nur, weil bei ihnen langsam der Zahn der Zeit nage. Vielleicht, meint sie, wäre es Zeit, diese Anspruchshaltung einmal zu überdenken.
Die englischsprachigen Zeitungen sind voll mit Artikeln zu Gottliebs Buch, die Kommentare dazu lassen sich kaum mehr zählen, meist sind sie negativ. Lori Gottlieb wird oft missverstanden. Sie sagt zum Beispiel keineswegs, dass sich Frauen dem Erstbesten an den Hals werfen oder sie sich unter ihrem Wert verkaufen sollen. Sie weist bloss darauf hin, dass die verzweifelte Suche nach dem Traummann im schlechtesten Fall damit enden kann, dass man irgendwann nicht nur allein, sondern auch unfreiwillig kinderlos ist. Dass man also über die eigenen hohen Ansprüche stolpern könnte, mit Folgen für das ganze Leben.
Wem diese Vorstellung Angst mache, sagt sie, wer nicht bereit sei, diese Konsequenzen zu tragen, müsse die Sache mit dem potenziellen Ehemann und Kindsvater pragmatischer angehen. Und vielleicht vom Anspruch auf Perfektion etwas Abstand nehmen.
Natürlich wird spätestens an dieser Stelle stets das hässliche Wort «Kompromiss!» geschrien, aber diesen Vorwurf pariert Gottlieb ungerührt, indem sie zurückfragt, was denn nun der grössere Kompromiss sei: kinderlos und allein zu bleiben oder mit einem Mann eine Familie zu gründen, der nicht in ganz allen Punkten den Vorstellungen entspricht? Touché.
Am meisten nimmt man ihr allerdings das mit der Romantik übel. Dass sie die für überschätzt hält. Genauso wie sie die Suche nach der grossen, einzigen Liebe, nach dem Traummann, der einem Schmetterlingsschwärme im Bauch bescheren soll, für realitätsfern hält. Und, ja, auch ein wenig kindisch, weil Träume nicht viel mit der Realität zu tun haben, eine Familie aber sehr wohl: Nüchtern führt sie aus, dass eine Familie ähnlich funktioniere wie ein Kleinbetrieb, gefragt sei die Alltagstauglichkeit eines Partners, seien Qualitäten wie Verlässlichkeit oder Geduld. Solche Eigenschaften müssten die Frauen im Fokus haben, statt sich darüber aufzuregen, dass da einer beim Film an der falschen Stelle lacht und damit die Traumprinzen-Checkliste nicht erfüllt.
Die ewige Suche
Lori Gottlieb ist es ein Rätsel, weshalb Frauen zwar ihre Karriere durchaus strategisch anzugehen wissen, nicht aber ihr persönliches Glück. Schuld daran ist in ihren Augen der Feminismus, im Zuge dessen den heutigen Mittdreissigerinnen beigebracht wurde, dass sie alles erreichen könnten und nur das Beste gut genug sei. Das führte dazu, dass Frauen eine solch glasklare Vorstellung von ihrem Partner entwickelten, dass nicht in Frage kommt, wer auch nur eine Winzigkeit vom Ideal abweicht.
Und so suchen die Frauen, sie suchen und suchen und werden nicht fündig, weil immer irgendetwas die romantisch verklärte Vorstellung der Perfektion stört: Er ist klug, aber ein wenig langweilig. Er ist lustig, aber irgendwie simpel. Er hat ein Herz aus Gold, aber er schmatzt beim Essen.
«Sex and the City» war fatal
Der Blick fürs Wesentliche scheint verloren gegangen vor lauter Überzeugung, man habe Anspruch auf das totale Glück. Einen Bärendienst habe man den Frauen mit all den Serien à la «Sex and the City» erwiesen, sagt Gottlieb, wo es aller Emanzipation zum Trotz sechs Staffeln lang darum dreht, den Traummann zu finden, und die Illusion genährt wird, es gäbe nur einen Einzigen, der einem glücklich machen könne.
Und deshalb ist Gottliebs These nicht etwa rückständig, sondern äusserst emanzipiert. Weil sie die Frauen zu mehr Pragmatismus auffordert. Sie sollen sich das nehmen, was sie zu ihrem Glück brauchen, und dabei klug und überlegt vorgehen, und eben nicht darauf warten, dass irgendwann der Prinz auf dem weissen Ross angeritten kommt.
Lori Gottlieb: Marry him: The Case for Settling for Mr Good Enough. Dutton Adult, 2010. 336 S., ca. 20 Fr.
Die deutsche Übersetzung erscheint im Juni als Goldmann-Taschenbuch und heisst «Nimm ihn! Einen Richtigeren findest du nicht». 288 S., ca. 15 Fr.
Frauen ab 30 sollten nicht Mister Perfect suchen, sondern sich an Mister Good Enough halten, findet Lori Gottlieb. Foto: Voller Ernst
(Tages-Anzeiger)