Benehmt euch!

Von Sarah Rüegger . Aktualisiert am 08.02.2012
Der New Yorker Journalist Derek Blasberg ist mit seinem Ratgeber «Classy» berühmt geworden. In seinem zweiten Buch zeigt er, wie man eine Lady darstellt – und sich von «Flittchen» abgrenzt.
topelement Die Lady als Accessoire: Blasberg, so wie er am liebsten gesehen wird – mit Socialite Tinsley Mortimer im Arm bei der Vernissage seines ersten Buches «Classy» im April 2010. Bild: AFP Mehr Bilder (5)

Die entblösste Scham zeigefreudiger Promis war wohl ein Hauptgrund dafür, dass Derek Blasberg fand, er müsse die Frauenwelt vor derartigen Auftritten schützen. Mit «Classy» veröffentlichte Blasberg 2010 einen Stilratgeber für Frauen, die eine Lady und nicht ein Tramp, ein Flittchen, sein wollen.

Wer ist dieser Derek Blasberg, und wer gibt ihm das Recht, Frauen in Ladys und Flittchen aufzuteilen? Der 29-Jährige stammt eigentlich aus St. Louis im Bundesstaat Missouri. Es zog ihn nach New York, wo er Journalismus und Theaterliteratur studierte. Nach der Uni schnappte sich Blasberg ein Praktikum bei der amerikanischen «Vogue» – und wurde nach einem Jahr gefeuert.

Kampf den Reality-Girls

Nach weiteren Jobs bei Magazinen und Modelagenturen schrieb sich Blasberg als Redaktor für «style.com», «V Magazine» und «Harper’s Bazaar» in die New Yorker Kunst- und Charitykreise hinein. Die Türen öffneten sich, und die Upperclass-Ladys fanden Gefallen an dem lustigen Partybären. Die Damen lassen sich seither gerne von Blasberg eskortieren, weil er allen (und seinen Gastgebern im Speziellen) äusserst wohlgesinnt ist. Damit macht er sich nicht nur Freunde. Die «New York Times» schrieb einst über ihn: «Er ist ein enthusiastischer Tänzer und ein Chronist, der – zur Konsternierung seiner seriösen Journalistenkollegen – festhält, dass die Klamotten hinreissend waren und die Party heiss, heiss, heiss war. Auch wenn das nicht stimmt.»

Als Profi-Partygast scheint Blasberg zu wissen, wie eine Frau aussehen soll und wie sie sich zu benehmen hat. Er will wieder in Ordnung bringen, was die Paris Hiltons dieser Welt verbrochen haben (Weglassen von Unterwäsche, Sex-tapes auf Youtube, sichtbare Stringtangas). Sein Ziel: die Frauen vor dem Flittchendasein bewahren und sie in «extrem moderne Ladys» verwandeln. «Classy» war ein Renner. Bereits in der zweiten Erscheinungswoche gehörte die Stilfibel zu den «New York Times»- Bestsellern. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen folgten, Promo- und Lesetouren trieben Derek Blasberg um den Globus. Auch die Kritiker und Blogger standen vor Freude kopf angesichts eines Ratgebers, der endlich wieder «Klasse» in das Leben junger Frauen bringen sollte.

Im letzten Oktober veröffentlichte Blasberg den Nachfolger «Very Classy» – eigentlich dasselbe Buch um zwei Kapitel dicker. Die Texte sind nun in Themenblöcken wie «Eine Lady zieht sich an» oder «Eine Lady schmeisst eine Party» untergebracht. Sie sind witzig geschrieben und tendieren manchmal gar zum in Stilfragen seltenen Sarkasmus.

Wie eine Lady ins Ausland geht

«Very Classy» ist im Gegensatz zu anderen Ratgebern extrem poppig aufgemacht und zielt ganz offensichtlich auf eine jüngere Leserschaft ab. In bildhaften Vergleichen zeigt Blasberg jeweils, wie sich eine Lady in einer bestimmten Situation verhält und wie es das Flittchen machen würde. So etwa im Kapitel «Eine Lady geht ins Ausland»: Die gut gekleidete Dame von Welt trägt am Flughafen eine flotte Jeans, einen gut sitzenden Blazer und eine schicke Ledertasche. Das Flittchen trägt einen plüschigen rosa Trainingsanzug, aus dem – natürlich – der String hervorlugt, dazu die unvermeidlichen Ugg-Boots, das Haar ist strähnig und mit sichtbarem Ansatz. Das klingt zwar stereotyp und überzeichnet, aber die Message kommt an.

Dabei hackt Blasberg in seinem Buch nicht nur auf Äusserlichkeiten herum. Er legt Wert auf ein Minimum an Etikette. Handgeschriebene Dankeskärtchen, keine SMS bei Tisch oder in angetrunkenem Zustand (sowieso wird empfohlen, nicht zu tief ins Glas zu schauen) – und bloss keine öffentlichen Tanzversuche an einer Stripstange. Eine Lady ist zwar offen und witzig, hat sich aber stets unter Kontrolle.

Zurück zur Tugend

Laut Blasberg fehlen den jungen Mädchen heute die richtigen Vorbilder. Da hat er schon recht: «Dschungelcamp», «Supertalent», «Jersey Shore» – Busenblitzer von Silikonblondinen und Fäkalsprache sind wir uns längst gewohnt, und wir verurteilen sie bloss noch aus Pflichtgefühl.

Was Blasberg eigentlich will, ist, uns an gewisse Tugenden wie Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Respekt vor den Mitmenschen heranführen. Er will zeigen: Es ist okay, eine Realityshow cool zu finden (er tut es selber auch), Realitystars sind aber gar nicht cool (wahrscheinlich würde er gerne einen oder zwei von ihnen mit seinem Buch retten).

Das ist zwar nett gemeint von Blasberg. Nur artet das Ganze dann eben doch in eine grosse, fette Selbstinszenierung aus. Denn Blasberg ist selber nicht gefeit vor den Versuchungen eines zumindest mittelmässigen Promistatus. Das zeigen seine Bücher nur zu gut. Der Mann argumentiert ausschliesslich mit seinen eigenen Erfahrungen. Er hat weder Angst davor, Ich zu sagen, noch, sich selber und sein Umfeld als Referenz anzugeben.

Tagebuch eines Emporkömmlings

«Classy» und «Very Classy» sind vollgepackt mit Schnappschüssen von Blasberg mit seinen Promifreundinnen und Upperclass-Kumpels: Blasberg im Urlaub, Blasberg an zigtausend Partys, Blasberg in seiner Wohnung. Dauernd hat man das Gefühl, Blasberg rufe einem zu: «Schau mal, wer meine Freunde sind – ist das nicht cool?» Will man wirklich einen Rat von jemandem annehmen, der seine gesamte Existenz an seinen Kontakten in der Society festmacht?

Blasberg fehlt die Objektivität, um ein glaubwürdiger Ratgeber zu sein – kein Wunder, wenn man sich tagein, tagaus mit reichen, dünnen und schönen Menschen umgibt. So gesehen, verkommen die «Classy»-Bücher zu einem Tagebuch eines New Yorker Emporkömmlings, bei dem man sich fragt, ob die Promis nun ihn so sehr lieben oder er einfach die Promis.

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Derek Blasberg, Very Classy. Razorbill, 320 Seiten, ISBN-10:1-59514-438-2.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2012, 07:10 Uhr

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