Die Therapie lehrt Selbstbeherrschung und Kontrolle: Pädophilie ist nicht heilbar. Bild: KEYSTONE/AP
Pädophilie ist nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht heilbar - dennoch muss nicht jeder Pädophile zwangsläufig auch zum Sexualverbrecher werden. Doch was sollen Männer tun, die diese Veranlagung in sich spüren, aber dennoch nicht Kinder sexuell missbrauchen wollen, auch wenn es ihnen noch so schwer fällt?
Seit Juni 2005 finden solche Männer therapeutische Unterstützung im Rahmen des Forschungsprojekts «Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld» an der Berliner Charité. Das Projekt richtet sich an Personen - der Erfahrung nach fast ausschliesslich Männer -, die ohne rechtlichen Druck therapeutische Hilfe suchen. Sie sollen lernen, mit ihren sexuellen Impulsen so umzugehen, dass sie weder Kinder noch sich selbst schädigen. Im Mittelpunkt der Therapie steht dabei die vollständige Übernahme der Verantwortung der Pädophilen für ihr sexuelles Verhalten.
Störung der Sexualpräferenz
Unter Pädophilie versteht man eine Störung der Sexualpräferenz, bei der die sexuelle Ausrichtung auf Kinder vor der Pubertät bezogen ist und die nach aktuellem Wissensstand nicht heilbar ist. Wird dieser Neigung nachgegeben und es kommt zu sexuellen Handlungen mit Kindern, dann spricht man von Pädosexualität, die dem strafrechtlichen Begriff des sexuellen Missbrauchs entspricht.
«Weil die Diagnostik und Behandlung sexueller Störungen weder Gegenstand der Facharzt- beziehungsweise Fachtherapeutenausbildung noch Gegenstand des Leistungskatalogs der Krankenkassen sind, existieren im ambulanten Bereich so gut wie keine qualifizierten Therapieangebote für Personen mit sexuellen Präferenz- und Verhaltensstörungen», heisst es auf der Homepage des Präventionsprojekts der Charité, das nach eigenen Angaben das weltweit einzige derartige Projekt ist.
Übergeordnetes Ziel ist es, mit der Etablierung präventiver Therapieangebote die Häufigkeit sexueller Übergriffe zu senken. Zudem wollen die Forscher die Schwellenangst der Betroffenen vor derartigen Therapieangeboten abbauen.
Psychotherapie und Medikamente kombiniert
Daneben will das «Dunkelfeld»-Projekt aber auch darauf hinweisen, dass es Pädophile gibt, die von sich aus und ohne rechtlichen Druck therapeutische Hilfe wollen, um nicht sexuell übergriffig zu werden. Ausserdem wollen die Wissenschaftler zeigen, «dass es zuverlässige Diagnostik und wirksame Behandlung bei sexueller Präferenz- und Verhaltensstörung gibt, wenn Diagnostik und Therapie sachverständig durchgeführt werden». Oberstes Gebot ist die Schweigepflicht der Therapeuten.
Bei der Behandlung der Pädophilen werden Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, der Sexualtherapie und der medikamentösen Therapie miteinander kombiniert. Sie orientiert sich an den sogenannten Skills, die die Forschung als entscheidend für die Kontrolle sexueller Impulse identifiziert hat. So sollen zum Beispiel systematische Wahrnehmungs- und Interpretationsfehler aufgedeckt und etwa in Rollenspielen die Fähigkeit zu Empathie und Perspektivenübernahme trainiert werden. Wenn der sexuelle Impuls so intensiv ist, dass der Betroffene nicht allein mit seiner Willenskraft das Verhalten kontrollieren kann, werden auch Medikamente verabreicht.
Problemfeld Kinderpornografie
Eine wichtige Rolle bei der Therapie spielt auch das Thema Kinderpornografie. Den Forschern zufolge sehen viele Pädophile im Konsum von Kinderpornografie eine Möglichkeit, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne sich direkt an Kindern zu vergehen. Allerdings machen sie sich nur selten klar, dass der direkte sexuelle Missbrauch von Kindern Voraussetzung für die Produktion dieses Materials ist.
«Inwiefern der Konsum kinderpornografischer Materialien den Wunsch nach Realisierung eines tatsächlich direkten sexuellen Kontakts mit einem Kind verstärkt, kann nach gegenwärtigem Stand der Forschung nicht abschliessend beurteilt werden», heisst es auf der Homepage des Projekts. Da aber bereits der Konsum von Kinderpornografie einen indirekten sexuellen Missbrauch darstelle, müsse der Verzicht darauf gleichfalls Ziel der Therapie sein.
Da Pädophilie nicht heilbar ist, wird dann von einer erfolgreichen Therapie gesprochen, wenn mit ihr ein verantwortungsvoller Umgang mit der Neigung erreicht wird. Bis 2011 hofft das Institut, anhand der bis dahin gesammelten Daten Rückschlüsse auf die richtigen Therapieansätze für eine präventive Behandlung ziehen zu können. Von Täterschutz könne jedenfalls keine Rede sein, heisst es auf der Homepage: Das Projekt leiste «aktiven Kinderschutz, der das Problem aufgreift, bevor Kinder überhaupt zu Opfern werden».
(bru/ddp)