Ein Mannequin macht mobil

Von Sacha Verna, New York . Aktualisiert am 06.02.2012
Das New Yorker Supermodel Sara Ziff lanciert die erste Gewerkschaft der Branche.
topelement «Wir kämpfen für minimale Ansprüche»: Sara Ziff, das Model mit Universitätsabschluss, will die Arbeitsbedingungen für sich und ihre Mitschönheiten verbessern. Bild: PD Mehr Bilder (6)

Sara Ziff mag Pizza lieber als Reiswaffeln. Die 29-Jährige wird sich während der New York Fashion Week, die am Donnerstag beginnt, auch nicht an saftgetränkte Wattekugeln halten wie manche ihrer Kolleginnen. Sie gedenkt vielmehr, vorab das Rampenlicht des Modegipfels zu nutzen, um bereits heute Montag die Model Alliance zu lancieren, die erste Organisation, die sich für die Rechte von Models einsetzt. Das wird, passend zum Gewerbe, mit viel Glitzer und Glamour im hippen Hotel The Standard geschehen. Mit ihrem Vorhaben ist es Ziff und ihren Mitstreiterinnen – darunter Vertreterinnen der renommierten Fordham Law School – allerdings äusserst ernst.

Sara Ziff arbeitet seit ihrem vierzehnten Lebensjahr als Model. Sie ist für Prada, Calvin Klein und Chanel über den Laufsteg marschiert und hat für Tommy Hilfiger, Kenneth Cole und Stella McCartney posiert. Nun will die New Yorkerin mit einem Abschluss in Politikwissenschaft von der Columbia University die Arbeitsbedingungen für sich und ihre Mitschönheiten insgesamt verbessern.

«Wir kämpfen für minimale Ansprüche»

Das Medieninteresse an der neuen Lobby für Models ist erwartungsgemäss grösser als an anderen Gewerkschaftsgründungen. Deshalb konnte Ziff bereits vor Dutzenden von Kameras und Mikrofonen verkünden, dass die Modeindustrie völlig unreguliert sei: «Wir kämpfen für minimale Ansprüche, deren Erfüllung selbst in der Filmbranche garantiert ist.» Zum Beispiel für Zugang zu einer erschwinglichen Krankenversicherung. Oder für Unterstützung gegen die übermächtigen Agenturen, deren undurchsichtige Finanzpraxis ihre Schützlinge oft in den Ruin treibt. Viele Models», sagt Ziff, «schulden ihren Agenten Geld für Visa, manche werden zur Gratisarbeit für Topdesigner gezwungen oder nur mit Kleidern bezahlt.» Gisèle Bündchen mag ja 50 Millionen Dollar im Jahr verdienen. Ein Durchschnittsmodel trägt 27'000 Dollar auf die Bank.

Den Absahnern der Branche ist Ziff schon früher unangenehm aufgefallen. Mit ihrem autobiografischen Dokumentarfilm «Picture Me» gewann sie 2009 den Publikumspreis des Mailänder Filmfestivals. Darin zeigte sie den Schweiss der oft minderjährigen Models, die Drogen an schicken Partys, die sexuellen Übergriffe, die von allen geduldet werden und nicht mehr Aufmerksamkeit erregen als unvermeidbare Laufmaschen. Ersatzstrümpfe sind stets genug vorhanden.

«Praktisch noch Kinder»

«So viele Models sind praktisch noch Kinder», sagt Ziff. «Sie brechen mit vierzehn oder fünfzehn die Schule ab und landen meistens völlig schutzlos in einer Umgebung, in der Ausbeutung, ob sexuell oder finanziell, an der Tagesordnung ist.» Einer Umfrage zufolge sind über die Hälfte aller Models zwischen dreizehn und sechzehn Jahre alt. Fast 40 Prozent sind zwischen siebzehn und zwanzig. Ab einundzwanzig ist man reif für die Pension.

Dann ist da die Sache mit den Reiswaffeln und den Wattekugeln. Es ist nicht neu, dass der Druck, dünn zu sein, in der Mode enorm gross ist und Essstörungen weit verbreitet sind. «Wir werden nach wie vor als wandelnde Kleiderbügel betrachtet», findet Ziff. Sie nennt mehrere Freundinnen, die an den Folgen von Anorexie oder Bulimie gestorben sind und denen die Schlagzeilen, die sie damit machten, nichts mehr nützten. «Esspausen bei Modeschauen und Fotoshootings sind tabu, sagt Sara Ziff. Auch das will sie mit Model Alliance ändern. Und mit Pizza. Gegen Verpflegungsengpässe an der Gründungsparty und der Fashion Week steht eine ganze Flotte Kurriere bereit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2012, 19:33 Uhr

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