Getötet hat der andere

Von Dario Venutti . Aktualisiert am 11.02.2012
Mathias Illigen brachte im religiösen Wahn seinen Vater um, wurde aber nicht verurteilt. Nach vier Jahren in der Psychiatrie lebt er wieder in Freiheit. Und hat jetzt seine Autobiografie geschrieben.

Manchmal sieht sein Lächeln so aus, als habe er es sich vor einem Spiegel aufgeklebt. Das Lächeln, das einen Mörder verdeckt, der mit einem Bügeleisen auf seinen Vater einschlug und ihn schliesslich mit einem Plastiksack erstickte. Das Lächeln eines Sohnes, der als paranoid Schizophrener diagnostiziert wurde. Und der wohl daran scheitern wird, einen Alltag in Freiheit zu leben. Weil ihm doch die Kraft fehlt zur Einsicht der Wahrheit!

Diesen ersten Eindruck bekommt man, wenn man Mathias Illigen gegenübersitzt. Und merkt erst später, dass man jede Geste und jede Gefühlsregung beim 34-jährigen Österreicher so interpretiert, dass sie zu seiner Tat passen. Denkt man diese weg, ist Mathias Illigen einfach ein ruhiger Mensch, der überlegt, bevor er spricht. Er meidet den Blickkontakt, aber das tun andere auch. Dafür lächelt er so angenehm.

Ein Musterpatient

Die Tat vor fünf Jahren, für die ihm die Boulevardpresse das Etikett «Bestie» anheftete, lässt sich aber nicht wegdenken. «Niemand würde nur eine Sekunde mit mir tauschen wollen», sagt Illigen. Auch wenn er nach vier Jahren Psychiatrie jetzt in Freiheit leben darf. Und auch wenn er im juristischen Sinne kein Mörder war: Er wurde für schuldunfähig erklärt, weil er in einer Psychose tötete, und deshalb nicht verurteilt. Stattdessen musste er in den psychiatrischen Massnahmenvollzug. Er lebte zusammen mit Prostituiertenmördern und Kinderschändern.

Illigen sagt einen Satz, den Psychiater besonders gern hören: «Auch ich möchte mit niemandem tauschen.» Die Aussage soll keine Verhöhnung des getöteten Vaters sein. Sie drückt die Einsicht aus, dass die Tat zu Illigen gehören wird bis zu dessen eigenem Ende. Im Psychiatriedeutsch nennt sich das Integration, und die gilt als Bedingung für eine erfolgreiche Therapie. Illigen war ein Musterpatient und wurde relativ schnell entlassen. Damit ist für ihn die Sache aber nicht abgeschlossen: «Die Bewältigung geht weiter, einfach auf andere Weise.»

Kerzen für den toten Vater

Das Buch, das er jetzt über die Tat und ihre Vorgeschichte geschrieben hat, will er nicht als Busse gegenüber seinem Vater verstanden wissen. Er sei kein Prominenter, sagt Illigen. Deshalb habe er kein Bedürfnis, in der Öffentlichkeit Busse zu tun. «Das mache ich im privaten Rahmen, ganz allein.» Am Todestag des Vaters zündet er jeweils eine Kerze an.

Illigen schrieb keinen Roman, obwohl es ihm diese Form ermöglicht hätte, seine beiden Identitäten schärfer voneinander zu trennen: den kranken Illigen, der unter Verfolgungswahn litt, vom gesunden Illigen, der einen unauffälligen Alltag lebt. «Ein Outing wäre auch in diesem Fall unumgänglich gewesen, da man nach dem Autor gefragt hätte.»

Stattdessen verfasste er eine Autobiografie, die in einer klaren, von Pathos freien Sprache gehalten ist. Sie ist an sein «erweitertes Umfeld» gerichtet, wie er es nennt: an lose Bekannte, an frühere Freunde, an aus den Augen verlorene Kollegen. Mit dem Buch ist die implizite Frage verbunden: Willst du weiterhin mit mir Kontakt haben? «Ich möchte mich nicht verstecken», sagt Illigen. Es sei für ihn unmöglich, mit jemandem zusammensitzen und zu denken: «Es gibt da noch eine Geschichte, von der du nichts weisst.»

«Das Denken hat mit der Realität nichts zu tun»

Das Schreiben sei nicht schmerzhaft gewesen für ihn, weil die Konfrontation mit der Vergangenheit bereits in der Psychiatrie stattfand. Doch es versetzte Illigen immer wieder in ungläubiges Staunen: «Bin das wirklich ich?» Dass er die Frage im Präsens formuliert, ist ein eindrücklicher Beleg für seine Klarheit: der Mann, der seinen Vater tötete, ist Mathias Illigen, der andere.

Damals hatte sich der Philosophiestudent Illigen eingeschlossen in seiner Welt. Jeder Alltagsbegebenheit verlieh er einen tieferen Sinn: Wer ein Lacoste-Leibchen trug, war für ihn ein Feind, hinter dem sich ein Krokodil verbarg. Wenn Bauarbeiter die Fassade seiner Wohnung renovierten, sah er in ihnen Geheimdienstmänner. Irgendwann hörte er Stimmen, ein typisches Merkmal für paranoide Schizophrenie. Illigen war von einer buddhistisch-neonazistischen Verschwörung überzeugt, welche die Apokalypse über die Welt bringt. Sich selber sah er in der Rolle des Retters.

So absurd dieses Denken für ihn heute klingt, so überzeugt war er von der Richtigkeit damals. «In einem psychotischen Zustand ist das Denken in sich logisch. Nur hat es mit der Realität nichts zu tun», sagt Illigen.

Die Reise zum Papst

Er habe nach einem Ausweg aus der Psychose gesucht, ohne zu merken, dass er an ihr litt: Illigen reiste zum Papst, um ihn zu warnen, bekam aber keinen Zutritt. Er wollte sich aus einem Fenster stürzen, wurde daraufhin erstmals in eine Klinik eingeliefert, aber gleich wieder entlassen.

Schliesslich pflästerte er den letzten Irrweg mit dem Blut seines Vaters. Illigen hatte ihn als Kopf der Verschwörung ausgemacht.

Im zweiten Teil des Buchs erzählt er vom Psychiatriealltag. Obwohl er dank Medikamenten schnell Fortschritte erzielte, war er oft niedergeschlagen: «Der Umgang der Ärzte und des Psychiatriepersonals mit den Patienten war manchmal ironisch, manchmal zynisch. Manchmal grenzte er an Sadismus», sagt Illigen. Dass er dort seine heutige Lebenspartnerin kennen lernte, die damals als Psychiatriestudentin ein Praktikum in seiner Klinik machte, klingt in der Autobiografie kitschig. Die Beziehung musste geheim gehalten werden. Für den Patienten Illigen aber war die Frau ein Strohhalm.

Dissertation über Paradoxien

«Die Psyche des Menschen bleibt mir ein Rätsel», schreibt er gegen Ende des Buchs. Dass er für sich selber Hoffnung hat, würde er so nie sagen, weil es nicht zu seiner demütigen Art passte. Deshalb formuliert er es in der Sprache eines Neurobiologen: «Es gibt im menschlichen Gehirn Milliarden Neuronen und über tausend Synapsen. Es gibt daher unendlich viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln und zu verändern.»

Mathias Illigen lebt heute als Künstler in Wien und schreibt eine Dissertation über philosophische Paradoxien.

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Mathias Illigen, Ich oder Ich. Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat. 251 Seiten, ISBN-10: 3-9900103-5-2.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2012, 21:37 Uhr

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