Noah Cyrus (10), hier in einem vergleichsweise harmlosen Outfit, hat eine von hochhackigen stiefeln und netzstrümpfen vorgestellt. People-Press.ch
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Er scheint wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit: Sexismus, was für ein Begriff! Lustfeindlich klingt er und spröde und überhaupt komplett gestrig. Ist er nicht längst überwunden?
Schön wärs, sagt die britische Feministin Natasha Walter, in manchen Bereichen ist er schlimmer denn je. Vor zwölf Jahren sah sie das noch völlig anders; da wähnte sie den Sexismus in ihrem aufsehenerregenden Buch «The New Feminism» überwunden: Die Emanzipation habe die Frauen im privaten Bereich so selbstbewusst und eigenständig gemacht, dass dem Sexismus gleichsam der Garaus gemacht worden sei, man könne sich nun auf die grossen Themen verlegen, also auf konkrete Verbesserungen in der Arbeitswelt, in der Politik, im Gesetz.
Frauen müssen gefallen
Heute ist sie ernüchtert. So sehr, dass sie sogar sagt: «Ich habe mich geirrt.» In ihrem neuen Buch «Living Dolls – The Return of Sexism» zeigt Walter auf, dass ein zentrales Anliegen des Feminismus, die sexuelle Selbstbestimmung der Frau, zwar erfolgreich durchgesetzt werden konnte, dass dies aber nicht zu mehr Freiheit, sondern vielmehr zu einer neuen Abhängigkeit geführt hat.
Walter spricht angesichts der Omnipräsenz von Sex und nackter Haut von Hypersexualisierung und zeigt auf, dass die erkämpfte weibliche Freiheit nur eine vermeintliche ist, denn Frauen lernten heute all der Gleichberechtigung zum Trotz vor allem eines: dass ein perfekter Körper und die damit verbundene Attraktivität der einzige Weg zur Selbstverwirklichung seien. Und so wünschen sich Teenager zum 18. Geburtstag statt einer Weltreise eine Brustvergrösserung, üben sich Mittdreissigerinnen im Pole Dancing, dem aus Strip-Lokalen importierten Tanz an der Stange, bewerben sich als Seite-1-Girl beim «Blick», der mit Bewerbungen für die Nacktaufnahmen überschwemmt wird. Und wenn Heidi Klum ruft, stehen sich Tausende junger Frauen in klirrender Kälte die Beine in den Bauch, um in Tränen auszubrechen, wenn sie abgelehnt werden – weil ihr Äusseres nicht gefällt.
Alle sind so wahnsinnig tolerant
Man kann nun natürlich einwenden, die Frauen hätten heute immerhin die Wahl, und oft genug seien es ja gerade sie selbst, die das Spiel bereitwillig mitspielten. Stimmt, sagt Walter, doch vor allem für Mädchen und junge Frauen, erst recht für solche aus schwierigen Verhältnissen, sei es oft nicht leicht, sich der Manipulation durch Werbung, Internet und Fernsehen zu entziehen, die ein ganz bestimmtes Bild von Frauen definierten.
Und weil ja heutzutage alle so wahnsinnig tolerant und aufgeschlossen und freizügig sind, regt sich niemand mehr auf angesichts der vielen nackten Haut überall. Regt sich niemand auf, wenn Dieter Bohlen bei «Deutschland sucht den Superstar», anstatt die stimmlichen Leistungen der weiblichen Gesangstalente zu bewerten, lieber deren Aussehen und Décolleté taxiert. Die Wirkung ist dennoch verheerend, denn die Botschaft lautet: Frauen müssen gefallen, und gefallen tun sie, wenn sie sexy sind. In ihrem Buch schildert Walter Gespräche mit den unterschiedlichsten Frauen – mit Studentinnen, Prostituierten, Nacktmodellen, Schülerinnen – und stellt fest, dass sich dem Druck kaum eine entziehen kann. Dass Fünfzehnjährige, die nicht wahllos Blowjobs zu verteilen bereit sind, als prüde und verklemmt gelten. Und Frauen, die sich keine Pornos ansehen mögen, sowieso.
Prüde, wer keinen Porno mag
Die Hypersexualisierung hängt eng mit der Verbreitung der Pornografie zusammen; das Internet hat deren Schönheitsideale – wie die komplett rasierte weibliche Scham oder grotesk grosse, künstliche Brüste – massentauglich gemacht. Walter führt eine britische Studie an, wonach mehr als die Hälfte der befragten Mädchen eine Karriere als Glamourmodel für erstrebenswert hält. Nun ist ein Glamourmodel mitnichten ein besonders glamouröses Model, sondern eines, das dafür bekannt ist, sich ohne Textilien ablichten zu lassen, also eigentlich ein Model der untersten Charge. Boxenluder nennt man die hierzulande eher, und die Mutter aller Boxenluder ist die Britin Katie Price, die es dank immer grösser werdenden Silikonkissen und deren Präsentation vor der Kamera zur Millionärin gebracht hat.
Eine solche Karriere für selbstbestimmt zu halten, wäre indes verkehrt. Walter führt aus, dass Price in ihrer ganzen Künstlichkeit – Brüste, Lippen, Zähne, Nägel, Haare, Haut, alles chirurgisch optimiert oder falsch – aussieht wie eine jener Puppen, auf die sie in ihrem Buchtitel anspielt. Und dass Price nur schon wegen der ganzen Operationen und Schmerzen, die sie auf sich genommen hat, um einem bestimmten Bild zu entsprechen, keinen Deut freier ist als die Frauen, die einst zum Korsetttragen gezwungen waren. Denn das Bild hat nicht Katie Price entworfen: Sie liess sich zu dem Produkt machen, von dem ihr gesagt wurde, dass es sexy ist. Weibliche Selbstbestimmung sieht anders aus.
Stringtangas für Vierjährige
Sorgen macht Walter vor allem, dass die Hypersexualisierung auch vor Kindern, sprich Mädchen, nicht Halt macht. Vor einer Woche hat eine Siebenjährige am Karneval von Rio als Sambakönigin den Umzug ihrer Sambaschule angeführt: Herausgeputzt im knappen Glitzerkostüm und mit einem BH-Oberteil auf der flachen Kinderbrust, geschminkt wie eine Erwachsene. Dass sie all der erlernten lasziven Hüftschwünge und der aufreizenden Maskerade zum Trotz eben doch ein Kind ist, zeigte sich spätestens dann, als sie angesichts der bedrohlich grossen Fotografenmeute in Tränen ausbrach und sich in die Arme ihrer Mutter flüchtete.
Ein anderes Beispiel ist Noah Cyrus, die jüngere Schwester von Teenie-Star Miley Cyrus, die als Neunjährige soeben eine eigene Modekollektion lanciert hat. Sie präsentierte die Entwürfe höchstpersönlich, und da sah man dann ein Kind, zurechtgemacht wie eine Frau mit einem modisch zweifelhaften Geschmack: mit hochhackigen Lacklederstiefeln, Netzstrümpfen und viel, viel Make-up. Mädchen können heute nicht früh genug sexy sein, das entsprechende Angebot ist vorhanden: In den Kinderabteilungen der internationalen Modeketten gehören glänzende Leggings, schulterfreie T-Shirts und Push-up-BHs ab Grösse 140 längst zum Standard; im Internet findet man problemlos Stringtangas, Miniröcke und hochhackige Schuhe für Mädchen ab vier Jahren. Als Vorbild dient Suri Cruise, die dreijährige Tochter von Tom Cruise und Katie Holmes, die Schuhe mit Absätzen, Handtaschen und Lippenstift zu tragen pflegt.
Der Traum vom Covergirl
Man braucht kein ausgeprägt feministisches Gemüt zu besitzen, um Walter Recht zu geben, wenn sie diese Entwicklung als besorgniserregend bezeichnet und von einem emanzipatorischen Rückschritt spricht.
In einer der eindrücklichsten Szenen in ihrem Buch schildert sie, wie sich irgendwo in einem Londoner Club junge Frauen, die meisten noch keine 20, darum bewerben, das nächste Covergirl eines Männermagazins zu werden. Dafür müssen sie sich auf einem Bett räkeln, an der Stange tanzen und sich auf Kommando ihrer ohnehin spärlichen Kleidung entledigen. Sieht man täglich am Fernsehen, lockt im Grunde keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.
Aber dann kommt dieser Satz, mit dem der Moderator die Siegerin verabschiedet, deren nackter Körper auf der nächsten Magazin-Ausgabe prangen wird. Und dieser Satz bringt auf den Punkt, was Walter auf 288 Seiten zu erklären versucht: «So», sagt der Mann, «jetzt kauft sie, nehmt sie mit nach Hause und onaniert auf sie.»
(Tages-Anzeiger)