Die Angst des Fernsehens vor dem Zeigfinger

Von Walter Jäggi . Aktualisiert am 03.02.2009
Kann Lernen Spass sein? Das «Edutainment» hat Vorteile, es alleine garantiert das lebenslange Lernen aber nicht.

Aus Education und Entertainment (Schulung und Unterhaltung) ist «Edutainment» gebildet worden, Ausbildung mit Unterhaltungswert oder Unterhaltung mit Informationswert. Das Fernsehen versucht damit seine Stärken auf dem Unterhaltungssektor und dem Boulevardjournalismus für die Bildung zu veredeln. Wissenschafts-Shows wie «Galileo» oder «Einstein» und zahllose medizinische Beratungssendungen schleusen Fakten wie U-Boote ein, via die üblichen Unterhaltungstricks (temporeiche Storys, prominente Interviewpartner, spektakuläre Bilder, redegewandte Moderatoren).

Auch viele Kinderprogramme funktionieren so. Die legendäre «Sesamstrasse» hat mit diesem Rezept schon vor Jahrzehnten versucht, Kindern auf spassige Art zu erklären, dass 2 plus 2 normalerweise 4 gibt. Nicht eine Lehrerin verkündet diese Weisheit, sondern eine Comicfigur. Nur ja keinen Zeigfinger erheben! Nach diesem Motto betätigt sich das Fernsehen, das meistgenutzte Informationsmedium, in der Volksbildung.

Handkehrum bietet es Quizshows an, bei denen stur Fakten abgefragt werden. Eine Frage, vier Antworten, wer die richtige nennt, kann unter Umständen eine Million kassieren. Nichts wird erklärt, auch wenn der siebengescheit auftretende Moderator so tut, als wüsste er, was er fragt. Würde ein Lehrer so arbeiten, müsste man ihm Berufsverbot erteilen.

Wer denken will, muss suchen

Die Funktion der Unterhaltung ist, Langeweile zu vertreiben, die Stimmung aufzuheitern. Sogenannt beiläufiges Lernen ist dabei nicht ausgeschlossen – der Effekt ist aber flüchtig. Für das lebenslange Lernen, dem die Wissenschaft und auch die Wirtschaft zunehmende Bedeutung beimessen, ist entscheidend, dass der lernende Mensch sich aktiv beteiligt. Gesucht ist die Fähigkeit, selber Wissen zu erwerben und Informationen zu bewerten und zu ordnen. Fernsehen als «Begleitmedium», das Zerstreuung liefert, hilft da nicht, aber Fernsehen kann anstrengendere Kost bieten. Es gibt richtige Sprachkurse im Fernsehen, es gibt (zum Beispiel bei BBC) Sendungen mit Untertiteln (in Englisch), die Fortgeschrittenen helfen. Es gibt sehr gute Dokumentarprogramme (in allen Sprachen), die aber nur dem Zuschauer etwas geben, der sich die Mühe nimmt, zuzusehen und zuzuhören.

Man kann viel lernen beim Fernsehen. Allerdings muss man sich die Mühe machen, geeignete Sendungen zu suchen. Interessant ist zum Beispiel das Angebot des Schulfernsehens am frühen Morgen. Interessant sind auch Dokumentarprogramme ausländischer Kanäle. In beiden Fällen ist das digitale Fernsehen hilfreich, welches das zeitversetzte Aufzeichnen einfach macht und auch Zugang zu ausländischen Angeboten bietet (z.B. Phönix, BR Alpha, BBC Four, France 2).

Das Fernsehen hat nicht den Schulunterricht revolutioniert, wie hoffnungsfrohe Experten zu Beginn des Fernsehzeitalters versprochen hatten. Auch der Computer hat das nicht geschafft. Dank Fernsehen und Internet haben Kinder und Jugendliche aber heute ein ganz anderes Weltbild als ihre Eltern vor 20, 30 oder noch mehr Jahren. Schon Primarschüler haben mehr gesehen von der Welt als ihre Eltern in einem halben Leben. Was sie von der Schule jetzt noch brauchen, sind die Mittel, um dieses Weltbild zu verstehen.

Die Lehrerin als Showgirl?

Muss der konventionelle Unterricht künftig so gestaltet werden, dass die von den Actionmedien verwöhnten Kids auch im Schulzimmer Spass, Spiel und Spannung vorfinden? Eher nicht. Wenn die Einführung von E-Learning, Computer- oder Web-Learning etwas gelehrt hat, dann dies, dass für die Persönlichkeitsbildung am besten eine Persönlichkeit geeignet ist.

Was die Medien nicht bieten können, ist der unmittelbare Kontakt, das eigene Erleben, da liegen die Stärken des Schulzimmers. Dass die Mediennutzung zum Schulstoff gehört, ist selbstverständlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2009, 22:00 Uhr

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