Im Land, wo alles unendlich ist: Die Weite, die Natur, die Freiheit

Von Simona Benovici . Aktualisiert am 11.02.2012
Die Ureinwohner nennen es Alyeska, das grosse Land. Wer einmal dort war, weiss auch, warum: Grenzenlose Eisfelder im Süden und Tundra im Norden schaffen Alaskas spektakuläre Landschaften.
Morgendliches Lichtspektakel: Sonnenaufgang über dem Fjord Turnagain Arm im Golf von Alaska.

Die Zivilisation hinter sich zu lassen, sei eine der leichtesten Übungen, meinte Evelyne Moskovich am Morgen bei der Schlüsselübergabe auf dem Areal des Autovermieters. Drei Spurwechsel und eine halbe Stunde Autofahrt. Mehr brauche es nicht, um Anchorage zu verlassen und in das grosse Abenteuer Wildnis zu starten. Welche Route die beste sei, um Alaska zu erkunden? Es gebe keine «beste Route». Alaska sei «unique». Alles sei möglich.

Viele Camper ziehe es in den ersten Tagen allerdings in den Süden, nach Kenai, meint Evelyne schliesslich. Eine rund 46'300 Quadratkilometer grosse Halbinsel. Dieser Teil Alaskas ist vergleichsweise dicht besiedelt. Falls das Auto Mucken mache, sei dort garantiert eine Werkstatt in der Nähe. Im Norden und im Hinterland hingegen, da fahre man stundenlang auf dem Highway, ohne einer Menschenseele zu begegnen. «So this is very important», sagt Moskovich und wedelt mit der Checkliste. Die Liste liest sich wie ein Überlebensführer. Ist das Auto aufgetankt? Hat die Autobatterie genügend Saft? Haben wir genügend Essensvorräte? Sind die Wassertanks gefüllt?

Nur Schlaf- und Geisterstädte

Tatsächlich: Drei Spurwechsel und eine halbe Autostunde später ist Anchorage nur noch eine Silhouette im Rückspiegel des 350 PS starken Truck-Campers. Links erheben sich die Steilhänge der Chugach Mountains – rechts der Ausläufer des Turnagain Arms. Neben den Gleisen der Alaska-Railroad schlängelt sich der Highway fast 76 Kilometer entlang der Bucht bis zum kleinen Städtchen Portage. Oder dem, was davon übrig geblieben ist: ein Diner, ein Eisenbahnknotenpunkt und eine Kreuzung. Die Siedlung wurde beim Karfreitagsbeben 1964 fast vollständig zerstört. Einzig eine Handvoll zerfallener Baracken und Häuser erinnert an bessere Zeiten. Überhaupt: Die meisten der auf der Karte eingezeichneten Orte entlang des Turnagain-Arms sind heute Schlaf- oder bereits Geisterstädte. Geblieben sind nur die klingenden Namen: Sunrise City, Resurrection Creek, Hope – stille Zeugen längst vergangener Tage.

Umso grösser ist der Kontrast, der von Soldotna und seiner grossen Shoppingmall ausgeht – nach fast 160 Kilometer Fahrt durch dichteste Wälder und die Seenlandschaft des Kenai National Wildlife Refuge. Nebst den grossen Fastfoodketten finden sich in Soldotna vor allem Spezialgeschäfte für Jagd- und Fischereizubehör. Kein Wunder, denn zwischen Juni und September versammeln sich mehr Sportfischer im und am Kenai River nahe der Stadt als sonst wo in Alaska. Tausende Königs-, Silber-, Rot- und Buckellachse tummeln sich während dieser Zeit im Wasser auf der Suche nach Laichplätzen. Fischer und Bären profitieren von diesem Überfluss gleichermassen: Während die Angler an der einen Uferseite des Flusses stehen, lauern die Bären an der anderen. Der nahe gelegene Russian-River-Campingplatz ist so stark belegt, dass hier nur ein Stellplatz für sein Fahrzeug findet, wer Tage im Voraus reserviert hat.

Leben wie vor 100 Jahren

Wem die Übernachtung nahe dem schäumenden Wasser des Kenai nicht vergönnt ist, findet in Homer, rund 100 Kilometer südlich von Soldotna, einen der spektakulärsten Campingplätze Alaskas. Eine sieben Kilometer lange Landzunge zieht sich bis zur Kachemak-Bucht. Am äussersten Ende befindet sich der Homer Spit Campground. Stromanschluss, Sanitäranlagen, Feuerstelle. Mehr Komfort gibt es nicht. Aber der Anblick der majestätischen Weisskopfseeadler, die sich hier auf Fassadenvorsprüngen und Strassenlaternen auf ihren nächsten Beutezug vorbereiten, oder die Aussicht auf den Grewingk-Gletscher, der am Abend fast mystisch im Nebel verschwindet – das alles ist überwältigend.

Nächstes Etappenziel: Seward. Ein Fischerdorf, eingebettet in eine blau schimmernde Umgebung von Eisfeldern und Gletschern. Die rund 3000 Einheimischen leben heute wie vor 100 Jahren mehrheitlich von dem, was die See hergibt. Das täglich zweimal stattfindende Ausnehmen der Fische auf der Promenade am Bootssteg hat sich zu einem Touristenmagneten entwickelt. Mindestens ein Dutzend Unternehmen bietet eine grosse Auswahl an kleineren und grösseren Bootstouren in den Gewässern des Kenai-Fjords an. Mit etwas Glück bekommt man während des Safaritrips zu Wasser Papageientaucher, Seelöwen, Schneeschafe, Adler, Schweins- und Buckelwale zu sehen.

Jedes der Boote wird von einem Wildhüter begleitet, der auch einem amtlichen Auftrag nachkommt: Information und Aufklärung zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt. Und er klärt Touristen über die Gefahren auf. Denn wer in Alaska unterwegs ist, trifft früher oder später auch auf Wildtiere, die durchaus unangenehm werden können: Bären, Wölfe, Elche.

Absolute Einsamkeit

Besonders wenn man sich abseits der viel frequentierten Touristenpfade bewegt, sind tierische Begegnungen programmiert. So etwa weiter nördlich, im Hinterland zwischen Paxson und Cantwell. 1957 als eine der ersten Ostwestverbindungen zwischen dem Richardson Highway und dem Denali-Nationalpark gebaut, schlängelt sich dort der Denali Highway quer durch die unendliche Ebene. Obwohl der Highway denselben Namen wie der weltberühmte Nationalpark mit seinem Wahrzeichen, dem Mount McKinley, trägt, verirren sich hierhin keine organisierten Touristengruppen. Kein Wunder: Die Strasse ist nur teilweise befestigt; es gibt nur einen offiziellen Rastplatz, keine Einkaufsmöglichkeiten. Wer den 217 Kilometer langen Highway befährt, muss vorbereitet sein. Genügend Vorräte, eine Zusatzversicherung für Naturstrassenschäden am Fahrzeug und viel Benzin im Tank. Evelyne Moskovichs Checkliste entpuppt sich als Segen.

Der Highway ist schwach befahren. In fünf Stunden zählen wir ganze fünf Autos, die uns entgegenkommen. Wer seine Nächte in totaler Abgeschiedenheit verbringen will, ist hier genau richtig. Dadurch, dass das Gebiet dem Büro für Landmanagement und nicht der Nationalparkverwaltung unterstellt ist, geniessen Camper hier grössere Freiheiten. Wo man das Fahrzeug abstellen kann, da darf man das auch. Eine Chance, die man sich angesichts der herrlich abgeschiedenen Umgebung und der wunderbaren Stille nicht entgehen lassen sollte.

Eindrücklich ist auch der Blick auf den nördlichen Hauptgebirgszug der Kordilleren, die Alaskakette. Sie thront so hoch über der Ebene, dass die vorgeschobenen Clearwater Mountains nur einem kleinen Hügelzug ähneln. Bevor sich die Nacht über die Berge legt, erglüht das schneebedeckte Panorama in einem nicht enden wollenden Abendrot. So weit im Norden hält sich die Dämmerung stundenlang. Evelyne hatte recht – mit der Checkliste, aber auch damit, dass Alaska «unique» ist: unendliche Weiten, unendliche Strassen – und eine atemberaubende Tier- und Pflanzenwelt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2012, 08:15 Uhr

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