Warum Buenos Aires Vorbild für die Welt ist

Von Esther Kern, Buenos Aires . Aktualisiert am 13.04.2009
Die Argentinier haben ihre grosse Krise schon hinter sich – sie sind ihr mit Einfallsreichtum und Experimentierlust begegnet. Die kreative Restaurant-Szene ist wegweisend.
topelement Ganz in Weiss: Das Restaurant Bistro im Philippe-Starck-Hotel Faena setzt auf Einhorn-Romantik und Eleganz. Mehr Bilder (5)

Vor acht Jahren war Argentinien kein Ort, wo man für Ferien hinwollte. 2001 geriet die ganze Wirtschaft des Landes aus den Fugen, viele Argentinier verloren ihr ganzes Vermögen, Demonstrationen waren an der Tagesordnung.

Ein paar Jahre später erzählt man sich ganz andere Dinge über das südamerikanische Land. Hip sei die Hauptstadt, kreativ ihre Einwohner. Die junge Zürcher Architektin Naomi Hajnos beispielsweise zählt zu den eingefleischten Argentinien-Fans. Gemeinsam mit Innenarchitektin Sybille Steindl hat sie das kürzlich neu eröffnete Restaurant Piazza am Zürcher Idaplatz gestaltet. Zur Inspiration reiste das Duo Anfang Jahr nach Buenos Aires, es kaufte Stoffe und Accessoires. «Unglaublich, wie viele neue Restaurants, Bars und Läden dort in den vergangenen Jahren eröffnet wurden», sagt Naomi Hajnos. «Die Argentinier kombinieren verschiedenste Stile, Farben, Formen und schaffen es, das so zu machen, dass es trotzdem unglaublich harmonisch und innovativ wirkt. Das hat uns auch für das Piazza inspiriert, nicht so fixiert zu sein auf gängige Normen.»

Florin Baeriswyl, Industrie- und Interiordesigner aus Zürich, teilt diese Ansicht. Er ist mit einer Argentinierin verheiratet und sagt: «Argentinier sind Meister der stilvollen Improvisation.» Sie hätten Mut zur Perfektion des Unperfekten.

Die Kunst der Improvisation

Wie das aussieht, davon wollen wir uns vor Ort selbst überzeugen. Eine Woche lang erkunden wir die Stadt, sprechen mit Porteños, wie die Einheimischen genannt werden, und Zugewanderten über Stil, Krise und die Kunst der Improvisation.

Wir beginnen im Quartier Palermo Viejo: Hier versammeln sich die Kreativen der Stadt, einige der hippsten Restaurants, viele einheimische Modedesigner. Ein Paradies für Shopaholics: Eine Boutique reiht sich an die nächste, die meisten gehören einheimischen Designern. Zwar sind die Preise seit 2001 wieder gestiegen, doch fürs Schweizer Portemonnaie sind die Schuhe, Kleider und Taschen immer noch sehr erschwinglich.

In der Bar 6 treffen wir Valeria Pesqueira. Ihre Geschichte steht symbolisch für vieles, was Buenos Aires und dessen kreative Szene bewegt. 2001 verlor sie im Zuge der Krise ihren Job im Fashionbusiness. Sie begann, ihr eigenes Label aufzubauen – mittlerweile ist sie damit so erfolgreich, dass sie Teile der Kollektion auch in den Shops der Moma-Museen in New York und Tokyo verkauft. Die Bar 6 ist eine ihrer Lieblingsbars. Rote, violette und grüne Samtmöbel schaffen Gemütlichkeit auf modernem Gussbetonboden.

Überhaupt: Farben und weicher Samt scheinen, das fällt uns auch an anderen Orten immer wieder auf, fast schon die ganze Stadt zu prägen. Auch die Kollektion von Pesqueira ist voller fröhlicher Farben, Formen, Mustern. Was hat es damit auf sich? «Wenn die Leute ausgehen oder sich etwas kaufen, dann wollen sie träumen, sich aufgehoben fühlen», sagt sie. «Weil wir hier nie wissen, was morgen kommt, sind Träume erlaubt.»

Die Stadt als unfertige Erfindung

In einen solchen Traum eintauchen kann man etwa im 647 Dinner Club im Quartier San Telmo: Liegen aus grünem Samt, goldige Säulen, Samtnischen, rote Leuchten, violette Kissen. Eine Art 1001Nacht präsentiert sich hier in modernem Gewand. Dass ein solcher Ort gerade in Buenos Aires steht, erklärt die Presseverantwortliche des 647 Dinner Club so: «Wir haben eine unkomplette Kultur. Wir bewundern Europa, suchen aber immer wieder nach der eigenen Identität – gerade deshalb ist hier vieles möglich.»

Eine weitere Oase ist das Le Bar im Zentrum der Stadt: Die Mischung aus Bar, Restaurant und Klub lockt mit bunten Wänden, mit verspielten Graffiti der lokalen Szenekünstlerin Pum-Pum, mit pinkfarbenen Sofas. Hier treffen wir Grant C. Dull, den Gründer von Whatsupbuenosaires.com, einer Kultur- und Ausgehplattform für Touristen und Einheimische. Als er 2004 damit startete, rannte er offene Türen ein. «Die Argentinier sind ja ursprünglich alle selber Immigranten», sagt er dazu, «wohl deshalb seien sie auch so offen für Neues.» Es gebe beispielsweise keine definierte Ästhetik, das wiederum biete viel Boden für Kreativität. Die Argentinier hätten sich von jeher immer wieder neu erfinden müssen, «wohl deshalb haben sie es auch geschafft, der Krise kreativ zu begegnen».

Blendung in Weiss

Wir wechseln ins Quartier Puerto Madero. Das Hafenviertel wird derzeit komplett auf den Kopf gestellt. Hier verwirklichen sich die Superreichen ihre Träume. Luxusresidenzen, Hotels und Restaurants werden gebaut. So will etwa die Investorengruppe Jumeira, unter anderem Besitzerin des Burj al-Arab in Dubai, per 2011 ein 60-Millionen-Dollar-Projekt in Puerto Madero realisieren.

Bis dahin wird das Faena, Hotel + Universe wohl das exklusivste Haus im Hafenviertel sein. Gestaltet wurde der Komplex von Philippe Starck. Das wohl ausgefallenste Stück im Hotel-Universum ist das Restaurant Bistro. Es blendet einen ganz in Weiss, weisse Wände, weisse Ledersofas und 14 weisse Einhornköpfe, die mit roten Augen von der Wand glotzen. Küchenchef Mariano Cid de la Paz, ein Schüler des spanischen Molekularpapstes Ferrán Adriá, serviert hier molekular-inspirierte Gourmetmenüs. In der Stadt erzählt man sich, dass der Auftraggeber und Besitzer des Faena, ein Argentinier, der mit Textilgeschäften reich geworden ist, so visionär sei, dass sich Starck bei der Konzeption komplett zurückgenommen habe.

Wir nehmen mit: Zuversicht

Und was fangen die Argentinier mit der derzeitigen globalen Krise an? «Viele sind unsicher, abwartend», sagt Valeria Pesqueira, die Modedesignerin. «Aber ich selber sage mir, dass ich in der Krise angefangen habe und deshalb eigentlich gar nichts zu befürchten habe.» Die Krise, das habe sie gelernt, öffne immer wieder auch neue Türen. Sie habe ja Buenos Aires erst zu dem gemacht, was es sei.

Nicht zuletzt wegen der Krise also erlebt man als Tourist in Buenos Aires ein Stück farbenfrohe, perfekte Unperfektheit – die man als Ferienerinnerung in heutigen Zeiten gerne immer mal wieder auspackt. Oder wie es Florin Baeriswyl sagt: «Schweizer können aus Argentinien eine Portion Zuversicht mitnehmen.»

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung von Tui Suisse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2009, 22:00 Uhr

Weitere Artikel Leben