Beschönigen gilt nicht mehr

Von Martin Läubli . Aktualisiert am 14.03.2011
Die Vorfälle in Japan werfen auch in der Schweiz Fragen nach der Sicherheit von Atomkraftwerken auf. Die Betreiber sind nun gefordert, transparent und glaubwürdig zu orientieren, nichts zu beschönigen.

Vor 25 Jahren Tschernobyl, nun Fukushima, Onagawa und Tokai. Der Kampf der japanischen Kraftwerkbetreiber gegen den GAU in mehreren Kernreaktoren reisst die Nuklearindustrie in eine tiefe Krise. Eine oft verdrängte Frage wird nach den schockierenden Nachrichten aus Japan neu gestellt: Beherrscht der Mensch die Gefahren der Atomtechnologie wirklich?

Bereits ist in der Schweiz die politische Debatte über das Risiko der Atomenergie neu entflammt. Das Unglück in Japan verunsichert, auch wenn bei uns keine Erdbeben dieser Grössenordnung zu erwarten sind. Beunruhigend ist, dass trotz Japans jahrzehntelanger Erfahrung mit Erdbeben und Tsunamis und trotz hohem Sicherheitsstandard in den Atomkraftwerken die Sicherheitssysteme versagt haben. Und diesmal war nicht der Mensch der Versager wie in Tschernobyl, es war die unbändige Natur, welche die Grenzen aufzeigte.

Das macht Angst. Die Öffentlichkeit in der Schweiz wird mit Blick auf die Abstimmung über ein neues Atomkraftwerk in zwei Jahren viele Fragen von neuem aufwerfen: Wie lange dürfen die alten Reaktoren wie Beznau und Mühleberg noch laufen? Ist es das Risiko wert, weiter auf Atomenergie zu setzen, zumal erneuerbare Energien Alternativen bieten? Sind Erdbeben in der Schweiz tatsächlich keine grosse Gefahr, wie die Atomlobby stets erklärt? Wie gut ist die Schweiz vorbereitet, falls sich ein Unfall wie in Japan ereignet?

Die Atomkraftwerkbetreiber sind nun gefordert, transparent und glaubwürdig zu orientieren, nichts zu beschönigen. So herrscht zum Beispiel nach wie vor Unklarheit darüber, wie erdbebensicher das Atomkraftwerk Mühleberg ist. Für die Rahmenbewilligungsgesuche neuer Atomkraftwerke hat das Nuklearsicherheitsinspektorat zusätzliche Untersuchungen zur Erdbebensicherheit angefordert. Die Ergebnisse der Abklärungen müssen öffentlich gemacht werden, sobald sie vorliegen.

Eine unbeschönigende, offene Information zu Sicherheitsfragen wird entscheidend sein, ob in den bevorstehenden Debatten in der Politik und in der Gesellschaft die Fakten wirkungsvoller sind als die Emotionen.

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Martin Läubli

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2011, 04:00 Uhr

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