Die SBB haben dem Volk schon vieles genommen. Die Raucherwagen und die Kondukteure im Nahverkehr sind Vergangenheit, und selbst die S-Bahn-WCs waren zeitweilig in Gefahr. Jetzt entledigt sich die Bahn einer kleinen, aber kundenfreundlichen Spezialität: Sie streicht uns die Ruhe. Zum Fahrplanwechsel im Dezember werden die Ruhewagen in der zweiten Klasse abgeschafft.
Zum Transportauftrag der SBB gehören die rollenden Räume der Stille nicht. Doch sie wurden geschätzt und genossen. «Hier können Sie ungestört lesen, arbeiten oder einfach nach Herzenslust die Fahrt geniessen und entspannt die Landschaft vorbeiziehen lassen.» So werben die SBB für die Ruheabteile, in denen Reden – auch am Telefon – sowie Musikhören selbst mit Kopfhörern verboten ist. Damit ist es nun vorbei. Künftig wird jeder Fahrgast gezwungen, Ohrenzeuge unerwünschter Gespräche zu sein.
Für ruhe- oder konzentrationsbedürftige Bahnkunden auf den Intercity-Strecken ist diese Vorstellung ein Gräuel. Nischen der stillen Musse sind in der Hektik der mobilen Gesellschaft gefragt. Die SBB argumentieren, die Ruhe lasse sich immer weniger durchsetzen. Das ist eine faule Ausrede. Beim Nichtrauchen ging es ja auch. Der Grund für die Abschaffung liegt woanders: Die übrigen Wagen der Züge sind in den Stosszeiten derart überfüllt, dass das schnatternde Volk zwangsläufig in die Ruhewagen strömt.
Die SBB geniessen zu Recht grosse Sympathien im Land. Auf dem dichtesten Schienennetz der Welt fahren die Züge zuverlässig und pünktlich, und die Fahrwerke sind angenehm leise geworden. Immerhin bringt die Bahn auch zahlreiche Verbesserungen: mehr Steckdosen, Internetanschlüsse und Spielzonen für Kinder. Dass nun ein gut genutztes Sonderangebot gestrichen werden soll, ist aber ein Armutszeugnis. Die Lösung des Problems läge darin, genügend Sitzplätze zu schaffen – auch für die wachsende Randgruppe der Ruhebedürftigen.
(Tages-Anzeiger)