Der Raumplaner kritisiert die zersiedelte Landschaft. Den Volkswirt ärgert der Bodenverschleiss, und die Bank warnt neu vor Einfamilienhaus-Brachen mit unverkäuflichen und verlotternden Liegenschaften. Kurz: Das Einfamilienhaus als Wohn- und Lebensmodell ist unter Beschuss.
Dem Kind aber ist das schnurzegal. Es will Platz zum Spielen, im eigenen Zimmer aus alten Kartonschachteln Hütten bauen und nach dem Znacht mit den Nachbarskindern durch die Gärten jagen, bis es selber von den Eltern verfolgt wird – und dann schleunigst ab ins Bett muss.
Das Kind wünscht sich etwas Grosses mit Umschwung, am liebsten gleich eine Burg oder ein Schloss. Keine architektonische Verirrung seiner Eltern ist ihm zu kitschig, kein Haus zu verwinkelt. Warum nicht ein Türmchen? Wieso keine korinthische Säule in einem verwilderten Garten?
Und welches Kind will schon auf Haustiere verzichten, nur weil der Vermieter keine Freude daran hat? Mögen die Katzen und Hunde auch im Sommer seine Sandburgen kaputt und im Winter seine Schneehütten vollmachen – für das Kind gehört das Tier zum Einfamilienhaus wie für die Erwachsenen das Auto und die Garage. Weshalb sollen sich also nicht auch die Eltern ein Häuschen wünschen?
So ist es doch viel netter, im Sommer seinen Liegestuhl im eigenen Garten aufzuklappen statt sich in seiner Mietwohnung unter den neugierigen Blicken der Nachbarn im Bikini auf den engen Balkon zu zwängen. Keiner verbietet einem das Grillieren bis spätnachts. Niemand reklamiert, wenn man für einmal das Velo direkt beim Hauseingang hinstellt oder die Kleider nicht an seinem offiziellen Waschtag in die Trommel wirft.
Ein eigenes, möglichst frei stehendes Häuschen ist ein Stück Freiheit. Ein kleiner Aufstand gegen die sonst so hohe Dichte in diesem engen Land. Und es ist ein Fixstern der Ruhe und Konstanz in dieser nervösen Berufswelt: Mensch, Job und Arbeitsplatz sind mobil. Das Zuhause aber bleibt.
30 Prozent der Schweizer wohnen gemäss der letzten Volkszählung in Einfamilienhäusern. Jedes Jahr landen landesweit 12 000 neue Objekte auf dem Markt. Da ist es vermessen, das Ende des kleinen Hauses im Grünen zu beschwören. Da ist es falsch, das Einfamilienhaus als Auslaufmodell zu bezeichnen. Der gutbürgerliche Wohn- und Lebenstraum von den eigenen vier Wänden mag zugegeben etwas bieder und langweilig sein. Für Tausende Erwachsene und Kinder erweist er sich aber als Glücksfall.
(Tages-Anzeiger)