Sein und Schein: «Lucy» ist viel schwächer als versprochen.
Tausende standen gestern in der frostigen Nacht, um zu erleben, wie sich die Bahnhofstrasse von der profanen Einkaufsmeile in eine warme Weihnachtswelt verwandelt. Zu lange litten die gestressten Zürcher unter den eiskalten Röhren, die fünf Jahre lang über ihrer Strasse flimmerten. Die visionäre Kunst war ihnen zu wenig weihnächtlich, zu wenig kitschig.
Nun wollte man alles vergessen. Die kalten Röhren mussten vertrieben werden und mit ihnen alles Kalte, die Krise, die Kriege und Katastrophen, die die Welt so unmenschlich und unweihnächtlich machen.
Kurzes Klatschen
Gross war also die Spannung, als kurz nach 18 Uhr die 11'500 Plastikkristalle zu leuchten begannen. Ein Raunen ging durch die Masse und Hände klatschten. Aber nur kurz. Die Erleichterung war zwar gross, dass die Dioden nicht mehr so kalt sind wie die bösen Röhren.
Aber die Lämpchen sind höchstens nett. Ihnen fehlt es an echter Wärme und Strahlkraft. Selbst die Fenster der CS beim Paradeplatz leuchten wärmer, ganz zu schweigen vom Rennweg und anderen Strassen, die komplett in weihnächtliches Licht getaucht sind.
Was die Glühbirnen über 30 Jahre lang schafften, wird «Lucy» nie erreichen: Die Bahnhofstrasse in Weihnachtsglanz zu tauchen. Genau das wollen aber viele Leute. Sie wollen die kalte Welt für einen Moment vergessen. Stattdessen geht «Lucy in the Sky with Diamonds» in den grellen Schaufenstern und Fassaden unter. Die Leuchtkraft von Konsum und Kitsch verdrängt die Poesie.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )
Verbreitet «Lucy» die passende Stimmung an der Bahnhofstrasse?
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