Es gibt immer weniger Grossintellektuelle. Leute, die schneidende Urteile zu Zeit und Zeitgeist abgeben wollen und eine Polemik zu lancieren vermögen. In Deutschland verkörpern Peter Handke, Botho Strauss, Peter Sloterdijk und Martin Walser samt seinem Antipoden Günter Grass den Typus – und allesamt sind diese Dauerausscheider von Pfundsmeinungen in die Jahre gekommen. Gleichzeitig hapert es mit dem Nachwuchs: Jüngere Intellektuelle zeigen wenig Lust, als eine Art Makrodenker dem Gemeinwesen die Leviten zu lesen. Es ist ihnen zu altväterisch. Den Frauen sowieso.
In der Schweiz gehört zu den verbliebenen Debatten-Lostretern Adolf Muschg (75). Auf den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag hin hat uns dieser Aktivdienstler der Betroffenheit (im Schweiz-Teil der Hamburger «Zeit») soeben wieder einmal die Kappe gewaschen. Sein Artikel beginnt historisch: Gottfried Keller entwirft als Zürcher Staatsschreiber 1862 eine Bettags-Proklamation, deren kritischen Inhalt die Regierung gar nicht schätzt. Muschg bringt dann sich selber, den Kritiker von heute, ins Spiel, indem er von der Totalrevision der Bundesverfassung in den Siebzigern erzählt, an der er mitwirkte. Und schliesslich kommt es zu Klage und Anklage: Die heutige Schweiz wird angeprangert als seiner Moralität verlustig gegangener Kleinstaat, der sich zu lange hinter dem Konzept der Neutralität verschanzte und nunmehr als mieser Schlaumeier dasteht. «Ein Land, das so wenig Freunde hat, braucht keine Feinde mehr», so Muschg.
Ein interessanter Satz: Wieso weiss einer eigentlich, wie viele beziehungsweise wenige Freunde die Schweiz wirklich hat? Seit seinem essayistischen Gedankenspiel «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» gilt Muschg als Meister der Kunst, dem Land den grösstmöglichen Schuldkomplex anzuschreiben. Keiner kann das besser als er. Ausser vielleicht Publizist Roger de Weck, dessen Credo es ist, dass wir bald völlig isoliert sind, wenn wir so weitermachen. Als Leser fragt man sich angesichts solcher Apokalyptik: Gibt es das Genre kollektiver Selbstgeisselung und Schwarzseherei in, sagen wir, Thailand auch? Und man beantwortet sich die Frage so: Nein, denn ein Land wie Thailand hat keine protestantische Leitkultur. Es leidet auch nicht unter dem Komplex, keine richtige, «grosse» Geschichte zu haben – mit dem sich daraus ergebenden Kompensationsdrang, ebenfalls ein Grosser sein zu wollen, auch auf dem Felde der Schuld.
Das Hart-mit-sich-selber-ins-Gericht-Gehen, das dauernde Hin und Her von Mahnen und Drohen, von Anprangern des Sündigen und Aufzeigen der Rettung, nämlich des EU-Beitritts – das ist Swissness auf dem Felde der politischen Deutung.
Liest man einen Text von Muschg, De Weck oder einem ihrer weniger berühmten Zunftgenossen à la Daniel de Roulet, schämt man sich stets ein wenig des eigenen Optimismus. Schämt sich, die reale Schweiz nicht so schlimm zu finden, trotz ihrer Fehler. Halb ist man aber auch belustigt, dass es hierzulande Bussprediger gibt, die den Leuten per Zeitung die Hölle heiss machen. Letztlich betreiben sie ein überkommenes Ritual, das ist die Crux der letzten Interpretatoren nationaler Schicksalhaftigkeit. Insofern nimmt man Adolf Muschgs neusten Artikel weniger als Denkstimulus denn als Geplätscher, als einen bestimmten, hinlänglich erprobten Sound. Und man denkt dann: Das Gute an der Schweiz ist, dass sie schon etliche solche Debätteli überstanden hat.
(Tages-Anzeiger)