Die Katastrophe in Japan hat die Diskussionen um den Energieverbrauch neu entfacht: Die Kernenergie, eine der wenigen Möglichkeiten, klimaneutral viel Strom zu produzieren, erscheint plötzlich als gefährlich. Die Einsicht wächst, dass es ohne Verzicht nicht geht.
Wer nun hofft, auch Bürgerliche würden sich zu moderaten Sparvorschriften durchringen, täuscht sich. Sie setzen weiter auf Eigenverantwortung – obwohl Eigenverantwortung beim Energiesparen nicht funktioniert.
Das beginnt bei der simplen Frage, was es, global gesehen, für einen Einfluss hat, ob ich mit dem Velo oder dem Auto zum Einkaufen fahre. Antwort: leider keinen, wenn andere in den Offroader steigen, um am Sonntag frische Gipfeli zu kaufen, zu Hause die Lichter brennen lassen und alle paar Monate ein neues elektronisches Gadget kaufen.
Ausserdem gibt es eine ganze Reihe von Ausreden, mit denen man sein schlechtes Gewissen beruhigen kann, etwa diese: Das Flugzeug fliegt sowieso nach Mallorca, also kann ich genauso gut mitfliegen.
Anstrengender Idealismus
Wer dennoch möglichst wenig Energie verbrauchen will, braucht also viel Idealismus. Es ist auf Dauer auch furchtbar anstrengend, umweltfreundlich zu leben. Ständig begegnet man möglichen Stolpersteinen: Darf ich im Winter mal eine Biotomate aus Spanien kaufen, oder soll ich vier Monate lang Kohl und Lauch essen? Muss ich aus ökologischen Gründen am Sonntag unter dem Hochnebel ausharren, wenn ich doch in die Berge fahren könnte, wo die Sonne scheint? Und darf ich danach wenigstens, als Belohnung, ein Vollbad nehmen und den ganzen Abend fernsehen?
Ökologisch zu leben, ist undankbar. Der einzige persönliche Gewinn ist das Gefühl, ein wenig besser zu sein als die anderen. Irgendwann kommt deshalb auch der grünste Idealist an den Punkt, an dem er sich sagt: Einmal ist keinmal, ich fahr jetzt an die Sonne, dann kauf ich Tomaten und leg mich in die Badewanne.
Kein Wunder, hören es viele gerne, wenn Politiker beim Energiesparen lieber von Effizienz als von Verzicht reden. Aber effiziente Geräte haben leidige Nebenwirkungen, da sie uns dazu verleiten, mehr Energie zu verbrauchen. Fünf 10-Watt-Sparlampen brauchen gleich viel Strom wie eine 50-Watt-Lampe. Dennoch haben wir das Gefühl, wir seien sparsamer, weshalb die Versuchung gross ist, das Licht öfter brennen zu lassen: Wir haben ja Sparlampen. Den gleichen Effekt kann Ökostrom haben: Aus alternativen Energiequellen gewonnen, gibt er uns das Gefühl, dass wir damit ohne Bedenken ein Elektromobil betreiben können. Sofern wir verdrängen, dass der gleiche Strom vielleicht anderswo besser eingesetzt werden könnte.
Man hat keine Wahl
Vor allem aber ignorieren alle, die der Eigenverantwortung das Wort reden, dass man dazu eine Wahlfreiheit braucht. Und diese Wahlfreiheit ist weitgehend eine Illusion. Gerade beim Wohnen, wo sich viel Energie einsparen liesse, sind die meisten Leute machtlos, weil sie kein eigenes Haus besitzen. Natürlich können sie in ihrer Wohnung die Heizung tiefer stellen. Aber womit geheizt wird und wie viel Wärme durch undichte Aussenwände entweicht, das bestimmt der Hauseigentümer.
Selbst wenn wir wirklich eine Wahl hätten, wäre die Eigenverantwortung in der Energiepolitik das falsche Konzept. Denn mit der Wahlfreiheit räumt man Menschen notwendigerweise auch das Recht ein, sich eben nicht vernünftig zu verhalten. Wenn sie sich damit bloss selbst schaden, ist das nicht weiter schlimm. Beim Energieverbrauch aber schaden die Unverantwortlichen auch allen anderen. Und das darf nicht einfach hingenommen werden, dafür ist die Lage zu ernst.
(Tages-Anzeiger)
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