Waghalsiger Einsatz

Von Martin Kilian . Aktualisiert am 21.03.2011
Sollte der Einsatz in Libyen misslingen, muss sich der demokratische US-Präsident mit seinem republikanischen Vorgänger vergleichen lassen. Es ist unklar, wohin der US-Präsident in Libyen wirklich will.

Acht Jahre nach dem verhängnisvollen Einmarsch im Irak und nahezu ein Jahrzehnt nach der Intervention in Afghanistan hat ein US-Präsident neuerlich einen Angriff auf ein islamisches Land befohlen. Im Gegensatz zu George W. Bush kann Barack Obama beim Einsatz gegen den libyschen Obristen und dessen Soldaten auf eine tatsächliche Koalition inklusive der Arabischen Liga sowie auf eine eindeutige UNO-Resolution verweisen. Wie sein Vorgänger aber handelte auch Obama im Stil des imperialen Präsidenten: Der Kongress wurde nicht einmal konsultiert, von der eigentlich erforderlichen Ermächtigung zum Waffengang kann keine Rede sein.

Dass der US-Präsident und seine Berater nahezu manisch betonen, federführend bei der Aktion seien nicht sie, sondern die Alliierten, entspricht bislang nicht den Tatsachen: Die Marschflugkörper, mit denen Muammar al-Ghadhafis militärische Installationen in Schutt und Asche gelegt wurden, entstammen nicht den Arsenalen des forschen Nicolas Sarkozy, sondern wurden von US-amerikanischen Schiffen und Unterseebooten abgefeuert.

Was Barack Obama zu diesem Krieg bewogen hat, werden wir irgendwann gewiss erfahren. Schon jetzt aber muss gefragt werden, wohin der US-Präsident in Libyen wirklich will. Möchte er Ghadhafi stürzen? Oder eine Lanze für die arabische Demokratie in Tripolis, nicht aber im Jemen und in Bahrain brechen? Und was soll werden, wenn der ebenso gewiefte wie unberechenbare libysche Despot statt innerhalb von Tagen klein beizugeben über Wochen und Monate um Macht und Leben kämpft?

Der Präsident mag hoffen, dass der libysche Konflikt innerhalb kürzester Zeit beigelegt werden kann; Kriegen ist indes die fatale Tendenz einer Verselbstständigung eigen. Gelingt der waghalsige Einsatz am Südufer des Mittelmeers, darf Barack Obama sich als Freund der Menschenrechte und Sieger feiern lassen. Andernfalls muss sich der demokratische Präsident mit seinem republikanischen Vorgänger vergleichen lassen: Wie dieser wäre er in einen Krieg gezogen, dessen Verlauf seiner Kontrolle entglitt und deshalb seiner Präsidentschaft schweren Schaden zufügte.

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Martin Kilian

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2011, 04:00 Uhr

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