Fragwürdige Härte

Von Simon Eppenberger München . Aktualisiert am 26.11.2010
Das Urteil im Münchner Schlägerprozess nützt den Opfern wenig und schreckt nicht ab. Stattdessen hätten die Schüler für frühere Taten bereits viel härter bestraft werden müssen, findet Reporter Simon Eppenberger.

Zwischen knapp drei und sieben Jahren müssen die Prügelschüler aus dem Kanton Zürich für ihre brutalen Attacken absitzen. Das scheint ob der sinnlosen Taten gerechtfertigt. Insbesondere im Fall des lebensgefährlich verletzten Kaufmanns, der noch heute unter den Folgen des Angriffs leidet, wie der Gerichtssprecher heute in München sagte.

Doch insbesondere die langen Strafen von knapp fünf Jahren für Benji D. und sieben Jahren für den Haupttäter Mike B. sind fragwürdig. Klar sollen die brutalen Jugendlichen nicht mit einem blauen Auge davonkommen. Logisch auch, dass die Taten gesühnt werden müssen. Doch es ist fragwürdig, ob sich durch harte Strafen künftig solche Gewaltexzesse verhindern lassen.

Selbst Richter Reinhold Baier, der die Urteile fällte, glaubt nicht an eine abschreckende Wirkung von harten Urteilen, wie er früher einmal gegenüber den Medien sagte. Dies habe ihm die Erfahrung am Münchner Gericht gezeigt. Obwohl er in den letzten Jahren mehrere brutale Schläger zu langen Haftstrafen verurteilte, sitzen immer wieder junge Täter vor ihm, die ohne Skrupel Gewalt anwendeten.

Zu spät als Täter erkannt

Mit dem Motto «Fertig mit der Kuscheljustiz» lässt sich das Problem also nicht lösen. Das erkannte auch die Jugendrichterin Kirsten Heisig aus Berlin. In der deutschen Hauptstadt hatte sie es mit derart vielen brutalen Taten zu tun, dass sie am System zu zweifeln begann. In einem Buch analysierte sie die Situation. Ihr Fazit: Bei Jugendlichen wird zu spät erkannt, wenn sich kriminelle Laufbahnen abzeichnen. Deshalb fehlt lange die richtige Behandlung der Täter – bis es zu spät ist.

Das war auch bei den Schülern von der Goldküste der Fall. Sie fielen bereits vor ihren Prügelattacken durch Delikte wie Raub und Körperverletzungen auf. Diese wurden zwar geahndet, doch offenbar hatten die entsprechenden Massnahmen keine Wirkung. Das muss sich unbedingt ändern. Heisig sieht eine mögliche Lösung in einem viel rascheren und härteren Durchgreifen bereits bei ersten kriminellen Handlungen. Eine mehrtägige Haft oder regelmässige Drogentests sind dabei wirkungsvoller als ein blosser Arbeitseinsatz am Mittwochnachmittag.

In diesem Sinn sollten sich die Schulen, Sozial- und Justizbehörden dringend eine engere Zusammenarbeit und ein strikteres Durchgreifen überlegen. Der Kanton Aargau hat bereits einen Schritt in diese Richtung gemacht. Alle Jugendlichen, die in ein laufendes Strafverfahren verwickelt sind, werden der Schule gemeldet. Ein Ansatz, der unbedingt weiterentwickelt werden muss – damit ein zweiter Fall München verhindert werden kann.

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Simon Eppenberger hat den neunmonatigen Prozess in München beobachtet.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 22.11.2010, 16:30 Uhr

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