In den vergangenen Wochen haben die Sympathisanten der Familienlobby ihren Widerstand intensiviert. Mit wachsender Kadenz haben sie Partner und Sponsoren der Euro-Pride mit Protestbriefen eingedeckt. Schweiz Tourismus etwa hat gemäss eigenen Angaben mehrere Hundert Schreiben in vorgefertigter Kartenform erhalten, Zürich Tourismus einige Dutzend.
«Schwule Arschlöcher»
Auch die Organisatoren der Euro-Pride haben Post gekriegt. Der Inhalt einiger dieser Schreiben sei «massiv diskriminierend und ehrverletzend», schreiben die Organisatoren in einer E-Mail, die dem TA vorliegt. «Von strafrechtlicher Relevanz» sei namentlich das Verhalten von Daniel Regli, dem Präsidenten der Familienlobby. Aus diesem Grund haben die Euro-Pride-Veranstalter gestern Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat eingereicht: gegen Regli sowie gegen unbekannt. Worauf genau der Verein Euro-Pride seine Anzeige stützt, will er erst heute Mittwoch bekannt geben, wie Sprecher Michael Rüegg auf Anfrage sagt. «Wir wollen nicht mehr weiter still hinnehmen, dass gewisse Leute ihre Ressentiments gegen uns ohne rechtliche Konsequenzen verbreiten dürfen.»
Der TA hat Auszüge aus den Schreiben gesehen. Darin werden Homosexuelle als «schwule Arschlöcher» betitelt; weiter heisst es, Homosexualität sei gegen Gottes Wille, «eine abnormale, perverse Art, eine Beziehung zu führen», eine menschheitszerstörende Sünde. Über einem Zeitungsartikel, der von einer Zunahme von HIV-infizierten Homosexuellen berichtet, steht in grossen Lettern: «Bravo!»
Familienlobby-Chef ist SVP-Politiker
Familenlobby-Präsident Regli ist sich keines Vergehens bewusst. Er habe die Sympathisanten der Familienlobby aufgerufen, Protestbriefe zu schreiben. Selber habe er aber nicht in die Tasten gegriffen, sagt der Kulturhistoriker. Dass den Euro-Pride-Veranstaltern wegen der Schreiben der Kragen geplatzt ist, kann er sich nicht vorstellen. Eine Anzeige gegen ihn, so sagt er, schüchtere ihn nicht ein. Er werde weiter für sein Anliegen kämpfen. Der Verein zähle zwar nur sieben Mitglieder, aber «sehr viele Sympathisanten», sagt er und verweist auf die Petition, in der im vergangenen Dezember 5400 Männer und Frauen den Zürcher Stadtrat aufgefordert hätten, sich von der Euro-Pride zu distanzieren.
Im Kantonsrat kann er auf die Hilfe der EDU zählen, wie die schwulen- und lesbenfeindlichen Aussprüche am Montag gezeigt haben. Zu deren Vertretern habe er jedoch keinen engen Kontakt, sagt er. Regelmässiger tausche er sich mit EDU-Präsident Daniel Suter aus. Regli selber ist ebenfalls parteipolitisch aktiv: Er präsidiert in der Stadt Zürich die SVP des Kreises 11. Sein Engagement bei der Familienlobby sei bei der SVP «kein Thema». Dies bestätigt auch Hans Frei, Fraktionschef der SVP im Kantonsrat. Er kenne Daniel Regli nicht näher. Dass Regli der Partei mit seinem Kampf gegen die Euro-Pride schaden könnte, hält Frei für ausgeschlossen. «Die SVP lässt innerhalb der Partei verschiedene Meinungen zu.» Frei selber sagt, er habe nichts gegen Schwulen und Lesben. «Sie leben ihr Leben wie alle anderen auch.»
(Tages-Anzeiger)