Von der Banalität des Bloggens

Von Jan Knüsel. Aktualisiert am 13.05.2009
Twitter verzeichnet seit Monaten steigende Nutzerzahlen. Hollywood-Stars haben den Kurznachrichten-Dienst zum Portal der Stunde gemacht. Doch Twitter könnte sich als Internet-Seifenblase entpuppen.
Twitter, das ist das Internet-Start-up der Stunde. Kein anderes Web-Unternehmen hat in letzter Zeit für so viel Aufregung in den Medien gesorgt. Hollywood und die amerikanische Politik sind verrückt nach dem Micro-Blogging-Dienst. Stars wie Ashton Kutcher oder Oprah Winfrey liessen mit PR-Aktionen die Mitgliederzahlen mehr als verdoppeln. Im Februar 2009 waren bereits geschätzte sieben Millionen Nutzer registriert. Im Vorjahr waren es noch 475'000.

Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten: 700 Millionen Dollar wollte Apple für Twitter bezahlen. Facebook und Google zeigten ebenfalls ihr Interesse. Doch die Gründer Biz Stone und Evan Williams beteuerten noch letzte Woche, dass Twitter nicht zum Verkauf stünde. Doch der grosse Erfolg von Twitter könnte sich, ähnlich wie bei der virtuellen Community-Site Second Life, als eine grosse Internet-Seifenblase herausstellen.

Twitter ist ein kurzes Vergnügen

Denn wie «Nielsen Online» berichtet, ist der Zwitscher-Dienst nicht mehr als ein kurzweiliges Vergnügen. Das New Yorker Unternehmen für Analyse- und Messdaten hat aufgezeigt, dass rund 60 Prozent der Nutzer schon einen Monat nach der Anmeldung das Twitter-Netzwerk wieder verlassen. Das bedeutet, dass nur 40 Prozent der angemeldeten User den Micro-Blogging-Dienst über Monate hinweg regelmässig nutzen. Im Vergleich dazu binden Online-Communitys wie Facebook oder Myspace über 60 Prozent ihrer neuen Mitglieder langfristig an ihr Portal. Kritiker dieser Studie bemängeln jedoch, dass «Nielsen Online» nur das Webportal Twitter.com beachtet habe. Twitter sei heute aber über die verschiedensten verwandten Anwendungen wie Tweetdeck, Twhirl oder TwitterFon verlinkt.

Tatsache ist jedoch, dass Neuregistrierte von Twitter von der schieren Fülle an Nachrichten überfordert sind. Die steigende Anzahl Twitter-Kanäle verwandelt das rudimentäre Layout zu einem unübersichtlichen Nachrichten-Dschungel. Zudem fehlt im Gegensatz zu Facebook die multimediale Abwechslung.

Die kurze Neugier

Twitter selbst sagt nichts zu den Nutzerzahlen. Ein weiterer Fakt ist, dass Twitter wie dazumal Second Life von einer ausgeprägten Medienberichterstattung profitiert. Viele Leute melden sich gerade wegen dieses Rummels an. Man ist neugierig auf die Neuheit, verliert aber schnell einmal das Interesse. Die schlichte Anreihung an Alltagsmitteilungen ist vielen zu banal.

Ein weiteres Problem ist das Geld. Twitter ist nicht rentabel. Ein überzeugendes Geschäftsmodell für die Vermarktung ist bis heute ausgeblieben. Eine Möglichkeit wäre Twitter bei kommerzieller Nutzung der Micro-Blogging-Plattform gebührenpflichtig zu machen. Geld kann das Unternehmen jedoch nur machen, falls eine Garantie besteht seine Mitglieder lange bei der Stange halten zu können. Ansonsten zwitschern die Vögel schon bald auf einer anderen Bühne des grenzenlosen Internets.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 12.05.2009, 15:23 Uhr

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