«Soll ich als zivilisierter Mensch den Regierungschef zurückweisen?»: Antonio di Pietro im italienischen Parlament. Bild: KEYSTONE/AP
Derzeit dominiert das Entsetzen Italiens unzählige Anti-Berlusconi-Foren. Ausgerechnet Antonio Di Pietro, der das politisch-moralisch-rechtliche Gegenstück zu Berlusconi darstellt und sich als solches inszeniert – ausgerechnet dieser Di Pietro sitzt locker neben Berlusconi in der Abgeordnetenkammer und hält ein Plauderstündchen mit dem Premier ab. Abseits der Kameras, aber festgehalten von andern Parlamentariern auf Handybildern, die den Weg ins Netz und die Presse fanden.
Nur einer will die Aufregung nicht verstehen: Di Pietro. «Berlusconi kam, als ich eben telefoniert hatte, und machte einen Witz über Telefonabhörungen. Soll ich als zivilisierter Mensch den Regierungschef zurückweisen?», sagte er zu Journalisten. Er finde trotzdem nach wie vor, Berlusconi müsse zurücktreten.
Nicht nur Anti-Berlusconi
Die Beschwichtigungen vermochten die besorgte Anti-Cavaliere-Gemeinde nicht zu beruhigen. War doch Di Pietro schon vor zwei Wochen ausnehmend mild geblieben, nachdem die Bevölkerung das von ihm lancierte Referendum gegen den Wiedereinstieg in die Atomkraft deutlich angenommen hatte. Während die vereinigte Rest-Opposition eine Niederlage Berlusconis feierte, sprach Di Pietro von einem Sachentscheid ohne parteipolitische Bedeutung.
Und in einer Parlamentsdebatte über die Zukunft der Regierung griff Di Pietro Oppositionsführer Bersani fast heftiger an als den Premier. Er habe die «Berlusconi-muss-weg-Phase» hinter sich und baue jetzt am Programm für eine neue Mehrheit, sagte er. Daher müsse er mit allen Italienern sprechen, nicht nur mit der Opposition.
Jenseits ideologischer Grenzen
Di Pietro, genannt Tonino, Bauernsohn aus dem Armenhaus Molise, 60-jährig, ist einen weiten Weg gegangen. Das Geld fürs Rechtsstudium verdiente er sich als Kellner in Deutschland. Er war zunächst Polizist, dann Staatsanwalt in Bergamo und in Mailand. Er gehörte zum Mailänder Ermittlungsteam der Mani Pulite, das in den frühen 90er-Jahren den Korruptionssumpf in der italienischen Politik aufdeckte und letztlich die erste Republik zum Einstürzen brachte.
Dann ging Di Pietro selber in die Politik. 1994 lehnte er ein Ministeramt in der ersten Regierung Berlusconi zwar noch ab. Aber zwei Jahre später trat er in die Regierung Prodi ein, wenn auch nur für ein halbes Jahr. 1998 schliesslich gründete er die Partei L’Italia dei Valori, und 2006 wurde er Infrastrukturminister in der zweiten Regierung Prodi.
Nun distanziert er sich vom Image, ein Linker zu sein. Er komme aus einem katholisch-gemässigten Milieu. Als Emigrant habe er in der Jugend keine Zeit für Ideologien gehabt. Und im Europaparlament politisierten seine Leute rechts der Sozialisten, sagt Di Pietro. Bringt sich da einer in Stellung als künftiger Premier?
Arbeit am Image
Bald geht die italienische Politik in die Sommerpause. Vorher wird die Regierung Berlusconi kaum scheitern. Wohl überhaupt nicht mehr dieses Jahr, sagen die Auguren. Nur schon weil es sich Italien in der angespannten Lage seiner Finanzen nicht erlauben könne, im Herbst einen Wahlkampf zu veranstalten statt ein Budget für das kommende Jahr auszuarbeiten. Aber irgendeinmal wird der Moment kommen. Vielleicht 2012, vielleicht auch 2013.
Dann will Antonio Di Pietro in der richtigen Position sein. Da kann es nicht schaden, sich etwas versöhnlicher zu zeigen als auch schon.
(Tages-Anzeiger)
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