Wie andere Länder ihr Hooligan-Problem erfolgreich gelöst haben

Von Sascha Rhyner, Stephan Roth . Aktualisiert am 19.05.2009
Rund um das Spitzenspiel zwischen Zürich und Basel kam es am Sonntag erneut zu heftigen Krawallen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet nennt die zehn wichtigsten Massnahmen, um Gewalt-Exzesse zu verhindern.
topelement Basler Chaoten versuchten kurz nach Abpfiff des Spiels Mitte Mai durch einen leeren Sektor in den FCZ-Familien-Sektor zu gelangen... Bild: Keystone Mehr Bilder (12)

1. Nulltoleranz

In den Schweizer Sportarenen haben sich längst Unsitten eingebürgert. So werden seit Jahren Gegenstände und Feuerwerkskörper aufs Feld geworfen. Im Eishockey wird es nach umstrittenen Entscheiden schon fast zelebriert. Der Eismeister kehrte den Müll aus dem Rink und damit auch schon wieder aus dem Sinn. In dieser Saison wurde im Berner Stade de Suisse gar ein Schiedsrichter von einem Feuerzeug oder einer Münze am Kopf getroffen. Als Folge des Skandals wurde nicht das Werfen gestoppt, sondern die «Senftube», in der Spieler und Schiedsrichter das Feld geschützt verlassen können, verlängert.

So lange das Werfen von Gegenständen in den Stadien hingenommen wird, braucht man gar nicht erst zu glauben, die grösseren Gewaltauswüchse in den Griff zu bekommen.

2. Tickets gegen Ausweise

Wer beispielsweise in Italien ein Ticket für ein Fussballspiel kaufen will, muss sich ausweisen. Der Name des Käufers wird dann auf die Eintrittskarte gedruckt. Bei der Zugangskontrolle ins Stadium muss der Zuschauer ein zweites Mal seine Identitätskarte zücken. So wird sichergestellt, dass keine unerwünschten Personen ins Stadion gelangen. Ausserdem ist dadurch jeder Zuschauer bekannt, was bei Ausschreitungen die Identifizierung von Randalierern vereinfacht.

Vor bald drei Jahren war in der Schweiz in der Folge der Krawalle vom 13. Mai in Basel die Ausweispflicht für Gästefans eingeführt und wenige Wochen später nach Protesten der Fans wieder ausser Kraft gesetzt worden.

3. Härtere Strafen

Gemäss Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet werden Randalierer fast nie zur Kasse gebeten und landen auch selten im Gefängnis. Auch die Verantwortlichen der Super-League-Klubs beklagen sich, über zu lasches Vorgehen gegenüber Gewalttätern und fühlen sich von der Justiz allein gelassen. So sagte FCZ-Präsident Ancillo Canepa in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Man müsste gegen diese Individuen knallhart durchgreifen können – auch innerhalb des Stadions. In Holland gibt es zum Beispiel ein Schnellgerichtsverfahren. Dort ist ein Richter im Stadion anwesend und kann sofort Urteile fällen.»

Auch die Liga darf bei Entgleisungen von Fans keine Milde walten lassen.

4. Verstärkung der Sicherheitskräfte

Wer das Gewaltproblem in den Griff kriegen will, muss sich bewusst sein, dass es keine Gratisrezepte gibt. In England, Deutschland oder Italien ist das Polizeiaufgebot bei Fussballspielen enorm. Bei einem normalen Bundesliga-Spiel sorgen bis zu 1000 Polizisten für Ordnung. Und in England sorgen gut ausgebildete Stewards dafür, dass keiner im Stadion die Grenzen des Erlaubten überschreitet.

5. Ein grosser runder Tisch

Es ist unumgänglich, dass sich alle Parteien an der Lösung des Problems beteiligen: Klubs, Fans, Liga, Justiz und Politik. Nur so kann verhindert werden, dass nach jedem Fall das grosse «Schwarzer-Peter-Spiel» beginnt. Nur wenn alle Seiten hinter den Massnahmen stehen, ist deren Umsetzung möglich.

Swiss Olympic erarbeitet derzeit Vorschläge, um die Gewalt an Sportveranstaltungen einzudämmen. Der runde Tisch gegen Gewalt im Sport unter der Führung von Sportminister Ueli Maurer soll dann über Massnahmen entscheiden.

Es wäre wünschenswert, wenn ein grosser runder Tisch in regelmässigen Abständen zusammenkommen könnte, um den Informationsaustausch, die Koordination und das Verständnis in der Sicherheitsfrage zu verbessern.

6. Ausgrenzung der Gewalttäter

Noch immer haben Gewalttäter eine zu hohe Akzeptanz in Fan-Kreisen. Würde es gelingen, die Solidarität unter den leidenschaftlichen Fussballanhängern zu durchbrechen, wäre es weit einfacher, unpopuläre Massnahmen durchzusetzen.

Dass Selbstregulierung keine Floskel von Tagträumern sein muss, bewies die «Südkurve» der FCZ-Fans am Sonntag im Letzigrund. Als einige Zürcher Hitzköpfe wie ein Teil des Basler Anhangs auf die Laufbahn stürmten, konnten sie vom besonnenen Teil der Fan-Kurve zurückgepfiffen werden. Ansonsten wären eine Konfrontation von Zürcher und Basler Anhängern im Stadion und noch weit schlimmere Krawalle wohl nicht mehr zu verhindern gewesen.

7. Video-Überwachung

«Big Brother is watching you.» Die Video-Überwachung ist das Herzstück im Kampf gegen die Gewalt in den englischen Fussballstadien. Kaum ein Übeltäter entgeht dem Fokus des «CCTV» (Closed Circuit Television). Auf der britischen Insel ist allerdings auch in anderen Sparten längst Tatsache, was George Orwell in «1984» schon 1946 prophezeite. So werden die englischen Bürger täglich über 300-mal von insgesamt rund 4,2 Millionen Videokameras erfasst.

8. Mehr Fan-Betreuung

Vor allem in Deutschland hat sich gezeigt, dass mit intensiver Betreuung der Fans die Gewaltbereitschaft massiv reduziert werden kann. Diese Arbeit ist natürlich mit Kosten verbunden und wird hierzulande immer noch zögerlich unterstützt. Die Swiss Football League könnte die Vereine allerdings in den Lizenzauflagen zu mehr Engagement zwingen.

9. Stadion- und Rayon-Verbote

In England sind 4000 Fans mit einem Stadion- und Rayonverbot belegt. Wer sich am Match-Tag in den Nähe eines Stadions verirrt, kann verhaftet und saftig gebüsst werden. Vor Auswärtsspielen der Nationalmannschaft müssen Hooligans ihren Reisepass gar abgeben. In Italien müssen sich einschlägig bekannte Zuschauer während Partien ihrer Mannschaft auf dem Polizeiposten melden. Der Besuch des Spiels ist entsprechend nicht möglich.

10. Eskorten für Gäste-Fans

Jahr für Jahr gehört der Marsch der Basler Fans bei Auswärtsspielen in Zürich zum Programm. Dabei kommt es auch immer wieder zu einem Saubannerzug, bei dem sich Randalierer im Schutz der Masse auf den Strassen austoben können. Die Zürcher Polizei ist dabei meist nur passiver Zuschauer, oder allenfalls die Zielscheibe von Wurfgeschossen. Und schon länger setzt sich der FCZ dafür ein, dass er in Basel einen anderen Gästesektor erhält, damit die Fans einfacher und direkt vom Bahnhof neben dem Stadion auf ihre Plätze hin- und wieder weggeführt werden können.

In Holland ist ein Bahnhof im Stadion gar eine Auflage. Die Gästefans dürfen nur mit dem Extrazug anreisen und gelangen so direkt von der Bahn in ihren Sektor.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 19.05.2009, 14:32 Uhr

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