Die Nationalrätin und Präsidentin der Luzerner SVP, Yvette Estermann, will mit «Lobbyisten Gottes» die Wirtschaftskrise lösen. In ihrem kürzlich eröffneten Blog schreibt die 42-Jährige, dass sie mit Mitgliedern von Bibelgruppen «für die Zukunft unseres Landes» betet. Von der Wirksamkeit gibt sich die studierte Ärztin felsenfest überzeugt: «Alles, was wir Politiker brauchen in dieser bewegten Zeit, ist Kraft.» Ihrer Meinung nach ist es wissenschaftlich bewiesen, dass Gebete eine Wirkung haben: «Wie mehrere Studien beweisen, verbessert sich sogar der Gesundheitszustand der Kranken, für welche gebetet wird.» Gott sei zwar kein Krisenmanager, der eine Krise verhindern könne. Er könne sie jedoch bewältigen.
Wenig begeistert von der Krisenbewältigung à la Estermann zeigt sich ihr Glarner Parteikollege This Jenny. «Wenn die Lösung einer globalen Krise so einfach wäre, würden wir uns längst nicht mehr über die Rezepte streiten», sagt der Ständerat. Jenny räumt Estermann das Recht ein, auf ihrem Blog persönliche Gedanken zu religiösen Fragen zu äussern. «Sehr wichtig ist jedoch, dass die Wähler solche Vorschläge nicht für die. offizielle Parteidoktrin halten», warnt er. Jenny hofft nun, dass sich nur sehr wenige Menschen für den Blog Estermanns interessieren und so keine Flurschäden für die Partei entstehen.
In der SVP gibt es keine Regelung, was die Parteimitglieder auf ihren Websites schreiben dürfen: «Jeder Nationalrat kann selber entscheiden, ob er einen Blog betreibt und wie er sich darin äussert», sagt SVP-Sprecher Alain Hauert. Verstösse gegen die offizielle Haltung der Partei würden nicht sanktioniert. «Wenn alle immer nur das Gleiche sagen oder schreiben würden, würden wir in der Partei sehr viel positive Energie verlieren», ist Hauert überzeugt.
Estermann hält auf ihrer Website indes nicht nur Lösungen für die Wirtschaftskrise feil, sie doziert auch über die Masern: «Als ich noch ein Kind war und eine Masern-Erkrankung bei den Schulkindern im Dorf ausbrach, regte man sich gar nicht auf», schreibt die gebürtige Slowakin. «Die Menschheit hat im Mittelalter sogar die Pest überlebt! Obwohl es damals noch keine Impfungen gab.» Eine Impfung gegen Masern hält Estermann für «übertriebenes Sicherheitsdenken.»
Über die rund 25 Millionen Menschen, die allein zwischen 1348 und 1352 in Europa an der Pest gestorben sind, verliert die Ärztin kein Wort. Ebenfalls erwähnt sie nicht, dass erst kürzlich ein gesundes 12-jähriges Mädchen aus Frankreich, das nahe an der Schweizer Grenze wohnte, im Universitätsspital Genf an Masern gestorben ist.
(Tages-Anzeiger)