Der legendäre Posträuber: 1997 konnte Ronnie Biggs noch mit seinem Fahndungsplakat scherzen.
An eine Räuber-Legende erinnert heute nichts mehr. Auf einem Foto, das vor einigen Wochen entstanden ist, sieht man einzig einen kranken, alten Mann. «Die Ärzte sagen, es gibt keine grosse Hoffnung mehr», sagte Biggs Sohn Michael kürzlich.
Um Ronnie Biggs war es einst ganz anders bestellt - und alles begann an seinem Geburtstag, am 8. August vor nunmehr 46 Jahren. An jenem Tag überfiel er zusammen mit 14 anderen Ganoven den königlichen Postzug von Glasgow nach London.
Aus dem Knast abgeseilt
Die Bande zog dem Schaffner eine Eisenstange über den Kopf und entkam mit einer Beute von 2,6 Millionen Pfund - nach heutigen Massstäben wären das rund 72 Millionen Franken. Die Räuber wurden schnell gefasst und wanderten ins Gefängnis. Biggs bekam eine Haftstrafe von 30 Jahren.
Doch die Wände des Gefängnisses in London-Wandsworth konnten ihn nicht lange halten. Biggs gelang es nach 15 Monaten, sich buchstäblich abzuseilen.
Mit einer selbst gemachten Strickleiter floh er aus dem Gefängnis, hüpfte durch ein Loch in einen Lastwagen und setzte zu einer Flucht über die Kontinente an, durch die er über die Jahrzehnte Kultstatus erreichen sollte. Aus Biggs wurde der meistgesuchte Räuber des Königreichs.
Neues Gesicht und neue Frau
Nicht nur liess er sich sein Gesicht umoperieren. Auch entwischte er seinen Verfolgern immer wieder in letzter Sekunde. 1974 in Rio war es fast soweit, dass ihn die britische Polizei festnehmen konnte.
Biggs aber hatte eine Brasilianerin geschwängert - und durfte als künftiger Vater nicht ausgeliefert werden. Doch wirklich geniessen konnte Biggs seine Freiheit nicht. «Selbst in Brasilien war ich Gefangener meines eigenen Tuns», sagte er einmal.
Am Ende gab sich Biggs freiwillig geschlagen: Als schwer kranker Mann kehrte er 2001 in seine Heimat zurück. «Mein letzter Wunsch ist es, in einen englischen Pub zu gehen und ein Pint Bitter zu trinken», erklärte er. Doch daraus wurde nichts. Als er britischen Boden betrat, wanderte er sofort in den Knast.
In seinen letzten Lebensjahren litt er nicht nur unter den Folgen mehrerer Schlaganfälle, sondern auch an Hautkrebs. «Ich bin ein alter Mann, und ich frage mich, ob ich wirklich dieses Ausmass an Strafe verdient habe», sagte er.
Keine Reue
Sein Sohn Michael setzt sich unermüdlich für die Freilassung ein. Doch Justizminister Jack Straw zeigte keine Gnade. Er verwehrte dem greisen Gauner am 1. Juli die vorzeitige Entlassung, weil Biggs keine Reue für seine Tat gezeigt hatte.
In der Tat: «Ich finde die Idee gut, dass ich daran beteiligt war», hatte Biggs einmal gesagt. «Es hat mir einen kleinen Platz in der Geschichte gegeben.»
(bru/Annette Reuther/sda)