«Die Mädchen weinten»
Es geschah kurz nach halb zwei. Die Mädchen der neunten Klasse schlenderten grüppchenweise von der Turnhalle auf der anderen Seite der Aare über den Altenbergsteg zum Schulhaus zurück. «Wenn die Mädchen ein paar Sekunden früher losgelaufen wären, wäre der Brückenspringer auf ihnen gelandet», erzählt Annette Geissbühler.
Einige Lehrerinnen und Lehrer hörten die aufgeschreckten Schulkinder und eilten nach draussen. «Die Mädchen waren aufgelöst und weinten», sagt Annette Geissbühler. Das Drama habe im Nu das ganze Schulhaus erfasst. «Die Nachricht breitete sich aus wie Kreise auf dem Wasser, wenn man einen Stein reinwirft.» Das Lehrpersonal hatte alle Hände voll zu tun, um die Ruhe auf dem Schulareal zu bewahren. Die Schulpsychologin kümmerte sich um die Mädchen, die den Selbstmord mit eigenen Augen sehen mussten. Sie wurde vom Care-Team der alarmierten Sanitätspolizei und von Angestellten der kantonalen Erziehungsberatungsstelle unterstützt. «Wir schauten, dass am Ende alle betroffenen Schülerinnen und Schüler von jemandem abgeholt wurden und niemand alleine nach Hause gehen musste.»
Ins Gedächtnis gebrannt
Obschon sich immer wieder Menschen von der Kornhausbrücke stürzen (letztmals vor drei Wochen), mag sich die Schuldirektorin an keinen ähnlich krassen Fall erinnern. «Nie zuvor wurden wir so direkt von einem Brückensuizid betroffen. Die Geschehnisse am Dienstag haben uns aufgerüttelt.» Gerade für Kinder sei es schwer, mit diesem Erlebnis umzugehen. «In diesem Alter kann man das nur schwer verarbeiten. Solche Bilder lassen sich kaum aus dem Gedächtnis löschen.» Deshalb erhalten die Schulkinder in den nächsten Tagen und Wochen bei Bedarf psychologische Betreuung. «Auch wir Erwachsenen dürfen uns bei der Schulpsychologin melden.» In einem E-Mail wurde die gesamte Lehrerschaft über die Vorfälle informiert. «Es ist an ihnen, zu entscheiden, ob sie dem Thema im Unterricht zusätzlich Raum geben wollen.»
Druck auf Behörden wächst
Den Eltern am Telefon versicherte die Schuldirektorin, sie werde sich für Sicherungsnetze oder andere Massnahmen einsetzen. Sie hat ihr Anliegen bereits beim städtischen Schulamt deponiert. Ebenfalls reagieren will die Erziehungsberatungsstelle mit einem Brief an die zuständige Berner Gemeinderätin Regula Rytz (GB). Deren Generalsekretär Stefan Schwarz verspricht: «Wir tun, was in unserer Macht steht» (siehe Interview). Zuvor hatte sich die Direktion Rytz lange Zeit gegen Sicherungsnetze ausgesprochen. Trotzdem überwies der Stadtrat am 15.Oktober eine Motion, welche die Montage solcher Netze bis Ende 2011 fordert (wir berichteten).
«Die Ausrede, solche Sicherungsnetze würden das Problem verlagern, zählt nicht», sagt Annette Geissbühler. «Es geht um den Schutz unserer Schulkinder.»
Menschen in Not erhalten Hilfe unter der Telefonnummer 143.
(Berner Zeitung)
Nach dem jüngsten Brückendrama sprechen sich die Berner Behörden erstmals für Sicherungsnetze an Brücken aus. Stefan Schwarz, weshalb sind Berns Brücken nicht längst mit Netzen gesichert?
Stefan Schwarz: Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren zugespitzt. Zuvor war die Suizidrate auf Brücken rückläufig oder stabil. Die aktuelle Entwicklung macht auch uns nachdenklich. Erst recht, wenn Schulkinder zuschauen müssen. Solche Situationen sind für alle Betroffenen schrecklich.
Weshalb hat sich die Stadt bisher gegen Netze gewehrt?
Der Gemeinderat hat sich nie gegen Netze gewehrt. Wir haben aber Probleme erwähnt, die sie mit sich bringen können. Eine gute Lösung zu finden ist nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
...was für Probleme?
Beispielsweise Vandalenakte: Jugendliche, die in der Nacht in die Netze klettern oder Velos reinschmeissen. Uns fehlen dazu Erfahrungswerte, weil in Europa nirgends zuvor Brücken mitten im Stadtzentrum mit Netzen gesichert wurden. Daneben gibt es technische, juristische und gestalterische Fragen zu lösen.
Die Münsterplattform hat seit Jahren Netze.
Die Münsterplattform ist nicht vergleichbar, da sie nach 23.30 Uhr geschlossen ist. Zudem hängen die Netze dort mehrere Meter tief – da klettert keiner rein. An den Brücken liessen sich die Netze aber nur knapp unter Trottoirhöhe anbringen.
Aus diesen Gründen wollen sie auf Netze verzichten?
Nein, aber die Probleme, die sich stellen, müssen sorgfältig abgeklärt werden. Da sind wir dran – eine Arbeitsgruppe aus Architekten, Ingenieuren, Vertretern der Sanitätspolizei und der Denkmalpflege wurde eingesetzt.
Dann werden Berns Brücken demnächst gesichert?
Wir tun, was in unserer Macht steht. Schliesslich hat der Stadtrat eine entsprechende Motion überwiesen. Diese setzen wir um. Allerdings gibt es zeitliche Faktoren, auf die wir keinen Einfluss haben. So müssen wir eine Baubewilligung beantragen. Und dagegen kann es Einsprachen geben.
Der Denkmalschützer liess bereits durchblicken, bei Bedarf eine solche Einsprache zu machen. Was halten sie davon?
Die Berner Brücken sind denkmalgeschützt und liegen im Bereich des Weltkulturerbes. Die Denkmalpflege ist die gesetzliche Hüterin dieser Anliegen. Wir suchen deshalb zusammen mit ihr nach guten Lösungen.
Stefan Schwarz ist Generalsekretär der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün.