«Hier hat es überall Vipern»

Von Richard Diethelm . Aktualisiert am 08.06.2009
In der Schweiz kommen Bisse von Giftschlangen im Mai und Juni am häufigsten vor. Mit Legenden über Vipern räumt der Reptilienforscher Yves Brunelli aber auf.
Kein Angst vor Schlangen: Yves Brunelli mit einer Vipera aspis atra. Christian Hofmann/«Nouvelliste»

Brunelli nimmt die Rechte vom Steuerrad und zeigt nach links und rechts. «Hier hat es überall Vipern», sagt er. Die Bergstrasse, die von Savièse zum Sanetschpass hinaufführt, verläuft auf diesem Abschnitt quer durch einen Abhang. Die Alpweide ist mit Waldinseln, Geröllbändern, Steinhaufen und Trockenmauern durchsetzt. Alpställe, die zu Chalets umgebaut worden sind, schmiegen sich an die südexponierte Bergflanke. In dieser Jahreszeit ist die Chance relativ gross, auf Vipern zu stossen. Im Mai und Juni bewegen sich nämlich die Schlangen gern tagsüber, weil die Temperaturen milder sind als im Hochsommer. Sie jagen Beute, oder Männchen suchen gegen Ende der Paarungszeit noch ein Weibchen. «Das dürfte auch der Grund sein, weshalb an Pfingsten ein Wanderer im Berner Oberland von zwei Kreuzottern gebissen wurde», sagt Brunelli.

«Alpenvipern sind eben sehr diskret»

Von der Sanetschstrasse kraxelt er das Bord hinauf zu einer aperen Stelle, die keine zwanzig Meter von zwei Chalets entfernt liegt. Zwischen Steinen und totem Holz wachsen Brennnesseln und spriesst zartes Grün an niedrigen Himbeerstauden. «Da drinnen lebt ein Männchen und ein Weibchen der Alpenviper», sagt der Reptilienforscher. Doch in der schwülen Hitze des frühen Nachmittags lässt sich keine der beiden Vipern blicken. Am Fuss einer langen Trockenmauer ist ebenfalls Fehlanzeige.

«Alpenvipern sind eben sehr diskret», entschuldigt sich Brunelli. Vor den Mauerresten eines verfallenen Stalls bleibt er stehen: «Das ist ein idealer Lebensraum der Vipera aspis atra. Sie überwintern unter einer dieser Mauern. Im Frühjahr, wenn die Tage wieder länger als die Nächte werden, endet ihre Winterruhe. Auf den Steinen wärmen sie sich an der Sonne. Unter dem Tännchen daneben können sie sich verstecken oder Schatten aufsuchen, wenn es tagsüber zu heiss wird. Droht Gefahr, verziehen sie sich in Löcher des Steinhaufens.»

Giesserhandschuh schützt vor Bissen

Zwischen den Steinen leuchtet tatsächlich der milchkaffeebraune Körper einer Alpenviper matt in der Bergsonne. Brunelli hat einen Giesserhandschuh übergestreift, um sich vor Bissen zu schützen. Sachte hebt er die etwa 45 cm lange Schlange vom Boden auf, fasst sie mit der Linken am Schwanz und lässt sie einen Moment baumeln, bevor er sie so auf den Handschuh legt, dass ihr Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger noch hervorlugt. So kann er die drei Merkmale zeigen, welche die Vipern von ungiftigen Nattern unterscheiden: «Die dunklen Pupillen sind schmal und elliptisch wie bei Katzen. Die Schnauzenspitze ist aufgestülpt. Hinter dem Auge hat es einen schwarzen und einen weissen Streifen.»

Als Yves Brunelli 13 Jahr alt war, brachte ihm der Vater vom Pilzsammeln eine Äskulapnatter in einem Stoffsack nach Hause. Das weckte in dem Jungen eine Leidenschaft für Schlangen, die nie mehr nachliess. Seit mehr als 30 Jahren durchforstet Brunelli die nähere und weitere Umgebung nach Schlangen und anderen Reptilien. Wegen einer schweren Arthrose in der Wirbelsäule musste der 45-Jährige seinen Beruf als Buchbinder aufgeben. Als Autodidakt erarbeitete er sich dank unzähligen Beobachtungen ein grosses Fachwissen über Reptilien und einen Bilderschatz von 10'000 bis 15'000 Tieraufnahmen.

Vorurteile und Ängste abbauen

Ein Buch über die Vipern der Schweiz ist bis auf wenige Fotos von Paarungsszenen fertiggestellt. «Innerhalb von drei Jahren kartierte ich die Vipernvorkommen im Rhonetal und in allen Seitentälern des Wallis», berichtet Brunelli stolz von einer anderen Arbeit. Die Kantonspolizei bietet den Vipernexperten 10- bis 40-mal pro Jahr auf, wenn irgendwo eine Schlange Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

Im Wallis halten sich hartnäckig Legenden, etwa wonach Vipern eine typische Angriffstellung einnähmen oder die schwarz gefärbten Tiere am aggressivsten seien. «Am schlimmsten sind die Leute, die zwischen 50 und 70 Jahre alt sind. Die töten jede Schlange, die ihnen über den Weg kriecht», klagt der Vipern-Beschützer. Auf Exkursionen des WWF und der Pro Natura und bei Vorträgen in Schulen gelingt es Brunelli jedoch, Vorurteile und Ängste abzubauen (siehe auch Tipps an Wanderer). «Meistens begegnen die Teilnehmer diesen geschützten Tieren danach mit mehr Respekt», freut sich der Reptilienforscher. Dass sie die Giftschlangen sogar lieben lernen, wäre dagegen zu viel verlangt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2009, 11:33 Uhr

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