Manche Mütter schweigen, wenn Väter zuschlagen

Von Helene Arnet . Aktualisiert am 06.10.2009
Tötete die Tochter ihren Vater aus Notwehr? Das ist Spekulation, aber psychologisch einleuchtend.

Weshalb die 22-jährige F. Z. aus Oberrieden ihren Vater erschossen hat, ist noch nicht geklärt. «SonntagsBlick» und «20 Minuten» brachten nun – auch unter Berufung auf die Mutter – als Motiv häusliche Gewalt ins Gespräch. Die Tochter habe in Notwehr gehandelt, und Gewalt sei in der Familie immer wieder vorgekommen, wird die Mutter zitiert. Sie mache sich Vorwürfe, dass sie ihren Mann nicht gestoppt habe.

Fachleute, die sich mit häuslicher Gewalt beschäftigen, stellen regelmässig fest, dass die Ehefrauen ihre prügelnden Männer gewähren lassen. Wie ist es nur möglich, dass eine Mutter untätig zuschaut, wie ihr Kind misshandelt wird? Pia Allemann von der Zürcher Beratungsstelle für Frauen (Bif), deren Kernthema Gewalt im häuslichen Umfeld ist, erstaunt dieses Verhalten nicht. «Wir beobachten das nicht selten, und Gründe dafür gibt es gleich mehrere.» Als Erstes nennt sie den Loyalitätskonflikt der Mutter und Ehefrau. Zu wem soll, zu wem muss sie halten?

Was denken die Nachbarn?

Allemann fährt fort: «Ist die Mutter selber von jahrelanger Gewalt betroffen und daher traumatisiert, kann sich deren Wahrnehmung verzerren, und sie übernimmt die Optik ihres Mannes. Sie behilft sich dann mit Schutzgedanken wie ‹die Tochter hätte wirklich nicht zu spät nach Hause kommen sollen› oder ‹der Sohn weiss doch, dass Papa wütend wird, wenn er frech antwortet›.»

Laut Allemann wehren sich manche Frauen nicht, weil sie in irgendeiner Form von ihrem Mann abhängig sind. «Das beobachten wir bei Frauen mit Migrationshintergrund, welche das Land verlassen müssten, wenn sie nicht beim Mann bleiben.» Auch finanzielle Abhängigkeit könne so weit führen.

Zudem schämen sich Frauen und Kinder oft schrecklich dafür, dass sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Vor allem in Familien aus gehobeneren Kreisen schrecken Mütter oft davor zurück, sich Hilfe zu holen, weil sie sich genieren: Was denken bloss die Nachbarn von uns? Pia Allemann führt aus: «Sie haben ein Bild von der Idealfamilie vor sich, und es ist schmerzhaft, davon Abschied zu nehmen.»

Verzweifelter Befreiungsschlag

Kann sich Pia Allemann vorstellen, dass bei einer Tochter sich derart grosser Hass gegen den Vater anstaut, dass sie ihn umbringt? «Ich kann mir eine solche Handlung als verzweifelten Befreiungsschlag erklären.» Damit das alles einmal ein Ende nimmt. Denn: «Kinder, die von ihrem Vater geprügelt werden, sind hin- und hergerissen zwischen Hass und Liebe. Auch fühlen sie sich oft verantwortlich für die Mutter, die nicht selten ebenfalls Opfer des gewalttätigen Mannes ist.» So komme es sogar vor, dass Kinder ihre Väter in kritischen Situationen bewusst provozieren, um die Gewalt von der Mutter wegzulenken und auf sich zu nehmen.

Laut einer Studie eines nationalen Forschungsprogramms leiden in der Schweiz 10 bis 16 Prozent der Kinder im Schulalter unter häuslicher Gewalt. Oft als Zeugen von Gewalt unter den Eltern, mindestens ein Drittel von ihnen wird auch selbst geschlagen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2009, 04:00 Uhr

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