Bristante Frage für die deutsche Jusitz: Ist Jörg Kachelmann ein Gewalttäter oder die Harmlosigkeit in Person? Bild: KEYSTONE/AP
Im Landgericht Mannheim begegnet Jörg Kachelmann in den nächsten Wochen vielen alten Bekannten. Weiblichen Bekannten. Einzelne von ihnen würden es vorziehen, ihn nie mehr zu sehen. Umgekehrt verhält es sich wohl ebenso.
Im Vergewaltigungsprozess gegen den Schweizer TV-Moderator, der am Montag beginnt, werden voraussichtlich 25 Zeugen über den angejahrten blauen Teppich des Saals 1 schreiten. Für einige wird es ein besonders schwerer Gang, denn es geht auch um ihr Privat- und Intimleben: Neun Frauen sind geladen, von denen einige zum Teil lange Jahre und zum Teil gleichzeitig mit Kachelmann eine Beziehung geführt haben. Die einen haben den Ermittlern in der Untersuchung unvorteilhafte Dinge über ihren früheren Partner anvertraut. Andere machten entlastende Aussagen für den Angeklagten.
Diverse weibliche Zeugen
Es seien «diverse weibliche Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten» geladen, teilt das Gericht mit. Dem TA sind ihre Namen und der genaue Ablauf der Verhandlung bekannt. Die erste der Frauen tritt in der zweiten Prozesswoche in den Zeugenstand. Sie hat Kachelmann am Flughafen Frankfurt begleitet, als er am 20. März verhaftet wurde. Anfang Oktober soll eine der Frauen in den Zeugenstand treten, die mit Kachelmann in der Ostschweiz zeitweise zusammenwohnte. Noch während seiner Untersuchungshaft lösten die beiden das gemeinsame Mietverhältnis auf. Kurz nach der Verhaftung hatte die Frau mehrfach betont, sie halte die Vorwürfe gegen ihren Partner für absurd: Jörg gehöre zu den am wenigsten gewalttätigen Menschen, die sie kenne. Eine weitere Zeugin, die zuvor angehört wird, sagt das Gegenteil: Sie habe Kachelmann während einer Affäre vor einem Jahrzehnt als gewalttätig erlebt. Der TV-Meteorologe weist solche Anschuldigungen ebenso als frei erfunden zurück wie den Vergewaltigungsvorwurf. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Erst als letzte Frau, die in Kachelmanns Leben eine Rolle gespielt hat, wird jene Radiomoderatorin aus Schwetzingen aussagen, die Kachelmann angezeigt hat. Der Nebenklägerin bleibt der Gang über den blauen Teppich in den Gerichtssaal 1 vielleicht erspart. Als mutmassliches Opfer kann sie unter Umständen auch per Videoschaltung aus einem anderen Zimmer befragt werden. Ebenfalls möglich ist, dass die Öffentlichkeit für einige Stunden von der Verhandlung ausgeschlossen wird.
128 Plätze reserviert
Wenn zuvor die Eltern der Schwetzingerin und der Therapeut aussagen, hören aber – wie bei allen anderen Zeugen – Zuschauer und Medienvertreter zu. Für sie sind 128 Plätze im Saal 1 reserviert.
Das mutmassliche Opfer ist auf den neunten von 13 Verhandlungstagen geladen. Erfahrene Strafrechtler halten es für ungewöhnlich, dass zuvor zwei Dutzend andere Personen angehört werden. «Die Frauen können die Persönlichkeit des Angeklagten beleuchten – ob das, was ihm vorgeworfen wird, schlüssig ist im Vergleich zu anderen Verhaltensmustern», sagt der Berliner Strafverteidiger Ulrich Wehner. «Aber sie können naturgemäss zum Kerngeschehen nichts sagen.» Was zwischen dem Fernsehmann und der Radiomoderatorin in jener Februarnacht geschah, wissen nur die zwei damals Anwesenden. Doch allein auf die Frage, ob es eine Vergewaltigung gab oder nicht, kommt es bei der strafrechtlichen Beurteilung an. «Zu verhandeln ist nicht Kachelmanns Persönlichkeit», betont Wehner. «Der Vorwurf lautet nicht: allgemeine Fehlbehandlung von Frauen.»
Zum Prozessauftakt am Montag wird die Anklageschrift verlesen. In den ersten Wochen sagen neun Beamte, vorab Polizisten, aus. Während des gesamten Prozesses anwesend sind Gutachter, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft arbeiteten. Unter ihnen befindet sich die Bremer Aussagepsychologin Luise Greuel. Sie hat in einem Gutachten Zweifel, ob die Radiomoderatorin die Tat glaubhaft dargestellt hat. Nicht geladen sind bislang die Sachverständigen der Verteidigung. Kachelmanns Anwalt kann sie aber als Zeugen bestellen.
(Tages-Anzeiger)