Es hätte ein ganz normales Pfadilager werden sollen: 120 Kinder aus Rustavi, einer georgischen Industriestadt mit gut 100'000 Einwohnern, wollten mit dem Zelt zu einem Naturpark fahren. Bei der Vorbereitung dabei: Barbara Gimelli Sulashvili, eine Schweizerin, die seit eineinhalb Jahren in Georgien wohnt. Über eine Partnerschaft zwischen schweizerischen und georgischen Pfadi unterstützt sie die Aktivitäten in Rustavi, berät die Leiter und hilft, in der Schweiz Geld aufzutreiben.
Doch dann kam der Krieg. An ein Pfadilager war nicht mehr zu denken. «Die Kinder waren noch am Meer oder bei ihren Grosseltern auf dem Land und konnten wegen der gesperrten Strassen nicht nach Hause zurück», erzählt Gimelli Sulashvili, die mit einem Georgier verheiratet ist und in Tiflis über die sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen Georgien und Russland doktoriert. Plötzlich war Rustavi voller Flüchtlinge aus Südossetien und Gori. «Die Pfadileiter haben sich gesagt: Machen wir doch ein Programm für diese Kinder, wenn wir schon nicht ins Lager fahren können.»
Seither holen die Leiter jeden Morgen rund 100 Kinder ab, die mit ihren Eltern in den Kindergärten und Schulhäusern von Rustavi provisorisch untergebracht sind. Sie gehen mit ihnen in den Stadtpark, wo es Frühstück gibt. Dann folgt ein Programm, das in jedem Pfadilager stattfinden könnte: Singspiele, Fussball, Trickfilm schauen. Zuerst hätten die Kinder allerdings kaum mitmachen wollen, erzählt Gimelli Sulashvili, die jeden Tag vor Ort ist. «Viele waren traumatisiert, sassen verloren auf dem Boden und haben ins Leere geschaut.» Ein etwa 13 Jahre alter Bub entschuldigte sich, dass er in den Finken gekommen war: Er schaufelte gerade für seine Mutter ein Grab, als erneut Bomben fielen und er davonlaufen musste, ohne nochmals ins Haus gehen zu können.
Bisheriger Höhepunkt für die Flüchtlingskinder: Der Ausflug in die Hauptstadt Tiflis. Sie besuchten eine Kirche und assen im McDonalds einen Burger zum Zmittag. «Viele dieser Kinder sind zum ersten Mal in einer Stadt», sagt Gimelli Sulashvili.
Während die lokalen Pfadileiter die Kinder betreuen und die Restaurants von Rustavi für die Kinder kochen, steuert Caritas Schweiz 22’000 Franken für Essen und Material bei. Das reicht für die nächsten Tage. Was die Flüchtlingskinder danach machen, ist offen. «Wir bereiten derzeit weitere Programme für die kommenden Wochen vor», sagt Fabian Fellmann vom Verein Caucasus Cooperation Project. Dieser organisiert seit Jahren die Zusammenarbeit zwischen der schweizerischen und der georgischen Pfadi. Sicher ist nur: Es wird noch dauern, bis die Vertriebenen in ihre Dörfer zurückkönnen.
(Tages-Anzeiger)