Merz sagte: «Ja, ich habe ein schwieriges Jahr erwischt. Bis jetzt ist mir nur - touch wood - eine Naturkatastrophe erspart geblieben. Bloss, der Orkan Lothar kam damals auch erst am 26. Dezember. Sonst aber ist alles passiert, was passieren konnte. Das war mein annus horribilis.»
Merz erzählte ausführlich, warum er nach Libyen reiste, um die beiden festgehaltenen Schweizer zu befreien: «Weil ein Land wie unseres darauf angewiesen ist, zu exportieren, muss doch der Staat da sein, wenn zwei unserer Ingenieure unverschuldet in eine Notlage geraten.» Er sei immer noch sicher, dass die Schweizer freikommen: «Ich bin heute noch überzeugt: Die beiden werden heimkommen. Wir müssen mit den Arabern Geduld haben. Sie sind sehr emotional. Sie sind schwer zu lesen.»
Weiter äusserte der Schweizer seine Sicht auf eine sich verändernde Medienlandschaft: «Peter Studer, der ehemalige Präsident des Presserats, sagte einmal, mit der Ausbreitung der Sonntagspresse würden sich drei Tendenzen verstärken: Erstens die Personalisierung; wweitens die Skandalisierung, wobei die Titel der Artikel oft nicht mit dem Inhalt übereinstimmen; drittens die Moralisierung. Wenn einer nicht der gleichen Meinung ist, zweifelt man ihn moralisch an. Diese Tendenzen nehme ich jeden Sonntag wahr.» Aus dieser Erfahrung habe er seine Konsequenzen gezogen: «Den Blick lese ich seit Monaten nicht mehr. Ich weiss gar nicht mehr, wie er aussieht. Und ich stelle zu meinem Entsetzen fest, dass sich mein Leben qualitativ nicht verschlechtert hat.»
Und schilderte eine Episode über Finanzminister Peer Steinbrück: «Ich habe in einer Zeitung über Steinbrück gesagt: ‹Den Splitter im Auge des anderen sieht er, aber den Balken im eigenen Auge sieht er nicht.› Bloss dieses Zitat nahm niemand auf. Und ich dachte, längerfristig bringt es nichts, wenn ich mich mit Peer Steinbrück anlege. Ich gebe auch zu, dass ich die Hoffnung hatte, er werde bald abgewählt. Er sagte mir bei der Frühlingstagung des IWF in Washington, er sei von seiner Partei gar nicht überzeugt. Da fehle der innere Drive und die Geschlossenheit, er glaube nicht, dass die Bundestagswahlen gewonnen werden können.» Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern habe dieses Jahr wegen abschätzigen Bemerkungen Steinbrücks gegenüber der Schweiz nachhaltig gelitten.
Merz ist aber überzeugt, dass das Verhältnis mit Steinbrücks Nachfolger besser werde: «Ich habe mit Wolfgang Schäuble telefoniert. Verglichen mit den Unterredungen, die ich mit seinem Vorgänger Peer Steinbrück führte, ist das wie Tag und Nacht. Der Ton von Wolfgang Schäuble ist getragen von Respekt, von Erfahrung, von Wissen, von Gefühl - das ist gut für die gegenseitigen Beziehungen. Franz Müntefering mit seinem Spruch, man solle jetzt Soldaten in die Schweiz schicken, hat mich wütend gemacht. Er hat unliebsame Erinnerungen an Zeiten geweckt, die eigentlich längst abgehakt sein sollten. Er und Peer Steinbrück haben hierzulande kontraproduktiv gewirkt.» Die Schweiz werde sich um einen intensiveren Austausch mit der deutschen Regierung bemühen: «In den letzten vier Jahren war Frau Merkel insgesamt zwei Stunden beim Bundesrat. Das kann nicht sein. Deutschland ist ökonomisch unser wichtigster Partner. Das muss, das wird sich unter der neuen Koalition ändern.»
(sam)