Bund finanziert Kinofilm über Christoph Blocher

Von Philippe Reichen . Aktualisiert am 14.02.2012
Regisseur Jean-Stéphane Bron dreht ein Porträt des SVP-Strategen. Dass er dafür Staatsgelder bekommt, findet sogar SP-Nationalrat Andreas Gross in Ordnung.
Zusammenarbeit über mehrere Monate: Regisseur Jean-Stéphane Bron und Christoph Blocher. Bild: KEYSTONE/AP

«Blocher une vie»: Mehr als der Titel – oder Arbeitstitel? – ist über Jean-Stéphane Brons Film bislang nicht bekannt. Das erstaunt, begleitet er doch Blocher seit mehreren Monaten, auch in der Öffentlichkeit. Der Waadtländer Regisseur, dessen Arbeiten präzis, aber nie polemisch sind, äussert sich derzeit nicht über sein Projekt. «Ich kommuniziere erst im nächsten Jahr», schreibt er. 2013 dürfte sein Film in die Kinos kommen.

Das Bundesamt für Kultur (BAK) lässt sich das Blocher-Porträt einiges Kosten: Mit 260'000 Franken subventioniert es den Film über den Alt-Bundesrat. Das ist die dritthöchste im Jahr 2011 für ein Dokufilmprojekt zur Verfügung gestellte Summe. Und weil der Bund Geld gibt, finanziert die Westschweizer Filmförderung Brons Arbeit automatisch mit. Aus dem Fonds Regiofilms fliessen dem Projekt weitere 200'000 Franken zu. Damit ist der Film – ein Doku-Kinofilm kostet hierzulande im Durchschnitt 600'000 bis 800'000 Franken – schon fast finanziert.

Bron schaffte es nach Cannes

Jean-Stéphane Bron hat auch darum kein Problem, an Fördergelder zu kommen, weil er mit Politfilmen wie «Mais im Bundeshuus» (2003) und «Cleveland versus Wall Street» (2010) an den Kinokassen äusserst erfolgreich war und heute zur Crème de la Crème der Schweizer Dokumentarfilmer zählt. 2010 lief «Cleveland versus Wall Street» zudem am Filmfestival in Cannes, was Brons mittlerweile internationales Renommee noch einmal gesteigert hat.

Das Porträt über Blocher sei eine Abenteuerreise. «Es wird weder einen politischen Film geben, noch wird der Film das bestehende Blocher-Bild fundamental verändern», prophezeit Ivo Kummer, Filmchef beim BAK. Warum denn die staatliche Unterstützung? Der Film helfe, Dinge besser zu verstehen, dies auch im Sinn und Geist der Aufklärung, so Kummer. Kein Problem mit der staatlichen Finanzierung des Blocher-Films hat der Zürcher SP-Nationalrat Andreas Gross. Er sagt, Blocher sei eine Zeit- und eine Reizfigur. Ohne öffentliche Gelder könne man ohnehin keine guten Filme produzieren. Er werde sich den Film auf jeden Fall im Kino anschauen.

Eine Voraussetzung für den Zuschuss aus dem BAK war, dass Blocher vorgängig ins Projekt eingewilligt hat. Wird der Volkstribun die künstlerische Freiheit des 42-jährigen Lausanners, der politisch klar links steht, ohne aber aktiv zu politisieren, nicht beschneiden? «Jean-Stéphane Bron ist eine starke Persönlichkeit», weiss Kummer. «Ich hoffe, er weiss, wie man mit Blocher umgehen muss», sagt Andreas Gross. «Die Politik soll sich nicht in künstlerische Freiheiten einmischen.» Ob es am Ende eine Art Autorisierung geben wird, ist offen. «Normalerweise schaut man sich den Grobschnitt gemeinsam an. Dann gibt es womöglich den einen oder anderen Kompromiss, um weiterzukommen», sagt Ivo Kummer.

Was treibt den Regisseur an?

Ein langjähriger, enger Mitarbeiter des Regisseurs Bron mutmasst: «Jean-Stéphane schweigt noch zu seinem Projekt, weil er nach einem filmischen Zugang zu Blocher zu sucht. Er umkreist das Sujet sozusagen.» Was aber treibt Bron an? «Er will zeigen, wie es der Pfarrersohn zum Milliardär brachte und wie es ihm als Politiker mit einfachen politischen Lösungen gelungen ist, bei Wahlen fast 30 Prozent der Schweizer hinter sich zu bringen», so der Bron-Vertraute.

Der in Berlin lebende Regisseur Milo Rau, der die Arbeit des Westschweizers gut kennt, sagt: «Ich glaube, Bron interessiert sich für Blocher, weil dieser eine Art Brennglas ist. Auf ihn bezieht sich fast alles direkt oder indirekt, was in den letzten zwanzig Jahren in der Schweizer Politgeschichte passiert ist. So lassen sich komplexe Zusammenhänge plastisch erzählen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2012, 06:24 Uhr

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