«Der Christoph Marthaler der Schweizer Innenpolitik»

Aktualisiert am 22.12.2008
Er will keinen Dienst-Mercedes, aber manchmal im Wald übernachten, und mit der Konkordanz meint er es durchaus ernst: Ueli Maurer könnte ein origineller Bundesrat werden.

Ein Subaru Legacy, ausgerechnet ein Subaru! Ueli Maurer, der neue Verteidigungsminister, verzichtet auf den Dienstwagen, den er sich dank seines Amtes bestellen könnte, er will keinen Mercedes und keinen Audi: Sein altes Gefährt reicht ihm. Dieser Entscheid reiht sich perfekt in Maurers Auftritte seit seiner Wahl am 10. Dezember; nicht nur mit seiner Vorliebe für eher landgängige Fahrzeuge betont der neue Bundesrat eine erhebliche Bodenständigkeit. An der Feier zu seiner Wahl in den Bundesrat gab es Ghacktes mit Hörnli, und Maurer selber kündigte dabei an, er wolle auch künftig nach stressigen Tagen seinen Schlafsack packen, um mitten im Wald zu übernachten (eine Idee, die wohl noch manchem Sicherheitsbeamten eine schlaflose Nacht bereiten wird).

«Ich gehe nach Bern», sagte Maurer an der Rede in seiner Wohngemeinde Hinwil, «als einer von euch». Der Mann könnte so in eine direkte Linie geraten mit den populärsten Bundesräten der Schweizer Geschichte: Ruedi Minger, Willy Ritschard, Adolf Ogi. Denn auch mit seinen Kernaussagen stellte er sich bislang in die beste Ur-Schweiz-Tradition. «Ich habe das Land wirklich gern», sagte er nach seiner Wahl, und weiter: «Der Patriotismus wird in gewissen intellektuellen Sphären gern lächerlich gemacht. Aber die, die diese Liebe teilen, brauchen eine Stimme». Er wolle, so Maurer, der Bundesrat dieser Menschen sein.

Blocher? Welcher Blocher?

Der Unterschied zu Mercedes-Fahrer Blocher wird in solchen Details sehr greifbar: Während der eine als grosser Aufräumer antrat, gab sich Maurer zuerst einmal als eine Art Anwalt der Verschupften. Und er redete dabei konkordant: Es brauche, sagte er zum Beispiel, «eine gewisse Dosierung und Rücksichtnahme auf die Kollegen», wenn das Bundesratsgremium funktionieren solle. Auffällig ist denn auch, wie rasch die Debatte, ob Maurer und inwieweit dieser jetzt Blochers Marionette sei, nach der Wahl versandete. Die Frage war vor dem 10. Dezember fast omnipräsent, nach dem 10. Dezember stellt sie kaum einer mehr. Dass Maurer nach seiner Wahl in der «Sonntagszeitung» sagte, ihm liege Willy Ritschard wohl näher als Christoph Blocher, signalisierte ebenfalls eine Distanz, die jetzt schon fast als selbstverständlich gilt.

Minger, Ritschard, Ogi, Maurer? «Das Volk hofft, dass er in dieser Tradition stehen wird», sagt Klaus Stöhlker, der Kommunikationsberater, der schon manch politisches Gefecht mit Maurer ausgetragen hat. Aber fachlich sei er denkbar schlecht gestartet, so Stöhlker weiter – womit er auf Maurers Satz anspielt, das Schweizer Militär solle zur «besten Armee der Welt» werden.

Kurz: Maurer habe das Potenzial, bei der herkömmlichen Schweiz Zutrauen zu schaffen – aber die international orientierte, weltoffene Schweiz der Lächerlichkeit preiszugeben. «Er wirkt wie ein Christoph Marthaler der Schweizer Innenpolitik», so Stöhlker zu den ersten Auftritten von Maurer als Bundesrat: ein bisschen kurlig, ein bisschen komisch, ein bisschen verspielt, aber auch sehr liebenswürdig.

(rap)

Erstellt: 22.12.2008, 14:34 Uhr

Weitere Artikel Schweiz