Die Bankgeheimnisknacker

Von Thomas Knellwolf . Aktualisiert am 05.02.2010
Jahrzehntelang biss sich die halbe Welt daran die Zähne aus. Doch jetzt ist alles anders. Dank gütiger Mithilfe abtrünniger Angestellter brechen ausländische Behörden das Bankgeheimnis. Die Schweizer Banken schauen ohnmächtig zu.
Heute werden die Tresore zwar nicht mehr unbedingt von aussen geknackt, aber man scheint sich gerne daran zu versuchen. Bild: KEYSTONE/AP

Sie sind tragische Helden. Sie sind Datendiebe, Verräter, untreue Seelen, Kämpfer für Steuergerechtigkeit, selbsternannte Finanzweltverbesserer. Und sie tragen entscheidend zu etwas bei, was lange unvorstellbar schien: Die Eidgenossenschaft schafft das Bankgeheimnis - im Jahr nach dessen unbemerktem 75. Geburtstag - ab und hinterfragt ihren strammen Finanzplatzpatriotismus.

Die Herren namens Rudolf Elmer, Bradley Birkenfeld und Hervé Falciani haben nur zwei Gemeinsamkeiten: Sie haben unauffällig für Schweizer Banken gewerkelt. Und sie plauderten bereitwillig mit ausländischen Fahndern. Ihre Angaben und von ihnen entwendete Bankdaten dienen grossen Wirtschaftsmächten als Brecheisen, um Helvetiens legendäre Tresore aufzubrechen.

Nach Jahrzehnten erfolgloser Versuche schlagen die Bankgeheimnisknacker erstmals richtig zu. Die Schweizer Banken, geschüttelt von der grössten Krise der Nachkriegszeit, sind machtlos gegen die wuchtige Kombination von Verrat von innen und Druck von aussen, seitdem Nachbarstaaten dazu übergegangen sind, für eine CD-ROM Millionen von Euro auszulegen.

Zu schaffen macht den bis vor kurzem so stolzen Geldinstituten, dass Behörden Ex-Bankangestellte nicht nur fürstlich entlöhnen, sondern bei Bedarf auch in Zeugenschutzprogramme aufnehmen, unter Polizeischutz stellen und mit neuen Identitäten ausstatten.

Angesichts dieses umfassenden Fürsorgepakets für abtrünnige Geheimnisträger würde es nicht überraschen, wenn auf Elmer (Bank Bär), Birkenfeld (UBS) und Falciani (HSBC Genf) Nachahmer folgen. Vielleicht gibt es sie schon. «Es bleibt anzunehmen», sagt Marc Ruef von der Zürcher Datensicherheitsfirma Scip, «dass die öffentlich gewordenen Fälle nur einen sehr kleinen Teil ausmachen.»

Diamantenhändler erpresst

Vieles ist heute wie in der Zwischenkriegszeit. Damals, nach der grossen Weltwirtschaftskrise, tummelten sich französische und deutsche Agenten in der Schweiz. Mit Erfolg spürten sie unversteuerte Vermögen von Landsleuten auf. In einem Fall, der 1932 hohe Wellen warf, verriet ein Angestellter einer Depotabteilung der Zürcher Kantonalbank dem Finanzamt der deutschen Grenzstadt Singen die Guthaben von 400 deutschen Kunden.

Zwei Jahre später schuf der Bund sein erstes Bankengesetz mit dem berühmt-berüchtigten Artikel 47. Das Bankgeheimnis entstand also unter ähnlichen Umständen, wie es nun verschwindet. In den ersten Jahren und Jahrzehnten wirkte es.

Der Bankraub von innen wurde selten. Erst 1968 machte ein Basler Geheimprozess nach einem Datenklau Schlagzeilen. «Erstmals seit der gesetzlichen Absicherung des Schweizer Bankgeheimnisses im Jahre 1934», hielt das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» damals fest, «standen die mit Steuerfluchtgeldern vollgepumpten Nummernkonten helvetischer Geldinstitute im Mittelpunkt eines Strafverfahrens.»

Bowlingbahn und Strassencafé finanziert

Ein Basler Angestellter der Schweizerischen Bankgesellschaft, der heutigen UBS, hatte sich in den Safes seines Arbeitgebers die Kontoangaben ausländischer Schwerreicher verschafft. Sein Komplize, ein Tapezierer aus Lübeck, drohte den Steuerhinterziehern in Belgien, Frankreich und den USA mit Verrat an die zuständigen Ämter.

Unter den Eingeschüchterten befand sich der Ehrenpräsident des belgischen Diamantenverbands, Ritter des Leopold-Ordens, Kommandeur des Kronen-Ordens sowie des luxemburgischen Ordens Adolph von Nassau (Kontostand rund 30 Millionen Franken). Er und weitere auf fortwährende Diskretion Bedachte finanzierten dem Tapezierer mehrere Hotels in Frankreich und Deutschland samt Bowlingbahn, Frittierküche und Strassencafé. Als das kleine Hotelimperium wegen Missmanagement zusammenkrachte, flogen Datenklau und Erpressung auf. Für den Lübecker Haupttäter setzte es in der Schweiz sieben Jahre Zuchthaus ab.

Wer Bankdaten mitlaufen lässt, fällt oft tief und verliert Job, Ansehen und mitunter vorübergehend die Freiheit. Auch heute noch.

Unzimperliche Fahnder

Ausländische Fahnder schwärmten wieder aus, als sie merkten, dass Wirtschaftswundergewinne aus ihren Ländern unversteuert am Paradeplatz und am Lac Léman gebunkert wurden. Das Londoner Schatzamt gelangte Anfang der 70er-Jahre über zwei Angestellte des Genfer Kreditinstituts Société Financière Mirelis S. A. an Namen und Kontostände von rund 50 Geheimdepots britischer Bürger.

Französische Fahnder machten am Zoll bei Basel und Genf unzimperlich Druck auf Grenzgänger, die bei Grossbanken ihre Brötchen verdienten. Spektakulär war die Genfer Zöllner-Affäre 1984. Frankreichs Grenzer hatten einen Angestellten des UBS-Kundenzentrums mit Geheiminformationen erwischt. Sie unterbreiteten dem Techniker ein unmoralisches Kooperationsangebot und flogen ihn und einen Arbeitskollegen mit einem zweimotorigen Flugzeug in ein geheimes Informatikzentrum der französischen Armee in der Bretagne aus.

Die Entschlüsselung der entwendeten Datenbänder klappte aber nicht wunschgemäss. Die Sache flog auf. Für die beiden UBS-Angestellten setzte es «exemplarisch strenge Strafen von drei und vier Jahren Zuchthaus» ab, wie der «Tages-Anzeiger» damals schrieb.

Datenklau als Heldentat

All die Affären und Skandale wirkten anders als heute. Rund um den Globus verfestigte sich die Ansicht, dass eine historische Achse des Bösen - von den Nazis über die Sowjets, organisierte Kriminelle und Potentaten aus der Dritten Welt bis hin zur al-Qaida - von der Verschwiegenheit der Gnomen von Zürich, Basel, Genf und Lugano profitiere. Der Effekt: Superreiche aller Länder brachten ihr Erspartes in die scheinbar sichere Alpenfestung. Zum Mythos Bankgeheimnis trug bei, dass von Hitler bis James Bond niemand die eidgenössische Mauer des Schweigens hatte durchbrechen können.

Das ist heute anders. Das Bankgeheimnis ist diskreditiert. Der öffentliche Diskurs läuft nicht zugunsten der Bewahrer des früheren Nationalheiligtums. «Einzelne Angestellte haben kein Problem mehr, eine moralische Rechtfertigung für ihr verbotenes Tun zu finden», klagt ein Topmanager, der bei einer Privatbank in Zürich für die Datensicherheit verantwortlich ist. Die Moral sei mit den exzessiven Boni flöten gegangen. Der Berufsstolz erodiert, seit der Bankier zum Banker mutiert ist.

Anstelle des Bankbeamten, der vom ersten Lehrtag bis zur Pensionierung seinem Arbeitgeber treu blieb, ist der international verschiebbare flexible Mensch gefragt. Die soziale Kontrolle in den Unternehmen ist geschwunden - gerade bei Ablegern internationaler Grossbanken wie der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) in Genf. Dort, in der drittgrössten Privatbank der Schweiz, nutzte Hervé Falciani sein Informatikerwissen, um Daten abzuzweigen. Falciani bot die HSBC-Geheimnisse dem deutschen Geheimdienst und Frankreichs Steuerfahndern an.

Datensicherheit ein frommer Wunsch

Die Banken haben zwar so ausgeklügelte Systeme wie nie zuvor, um nach Datendiebstählen Spuren auf Servern zu verfolgen. Doch Strafverfolgern nützt dies wenig, wenn die Verdächtigten sich aus dem Staub gemacht haben und von Staaten, denen sie sich offenbart haben, versteckt und geschützt werden. Falciani beispielsweise lebt unter Polizeischutz in Nizzas Hinterland.

Geldinstitute gehen nun dazu über, im Zweifelsfall Schweizer Staatsangehörige oder hier verankerte Ausländer anzustellen, bei denen weniger Fluchtgefahr besteht. Doch das Zittern vor dem Verrat aus den eigenen Reihen geht weiter. Sicherheitsabteilungen der Banken versuchen, den Zugriff auf heikle Daten auf wenige Mitarbeiter zu beschränken. Sie sperren CD-Laufwerke und blockieren den privaten E-Mail-Verkehr.

Trotz all der Beschränkungen und Verbote bleibt absolute Datensicherheit durch Technik aber ein frommer Wunsch. Mit einer Handykamera können Informatiker oder Kundenberater, die Zugriff auf die Daten haben müssen, Vertrauliches vom Bildschirm fotografieren, ohne auf Servern Spuren zu hinterlassen.

Gegen den grossen Datenklau hilft nur eins: zufriedene Angestellte. «Die Motive für kriminelle Handlungen entstehen meist aus Drucksituationen», schreibt die ZKB. Die Zürcher Kantonalbank versucht, Problemkreise wie «Verbitterung über Nichtbeförderung, Konfliktsituationen oder finanzielle Probleme» zu thematisieren, bevor es sie teuer zu stehen kommt.

Werk einer neuen Generation

Der Zorn von Rudolf Elmer war gross, als er als Chief Operating Officer und Senior Vice President der Cayman-Niederlassung des Traditionshauses Julius Bär entlassen wurde. Er stieg ins Grenzenlose, als die Bank Detektive auf ihn ansetzte. UBS-Schreck Bradley Birkenfeld schied im Streit um nicht ausbezahlte Boni von der Grossbank. Er lieferte seine einstigen Vorgesetzten und Kollegen den US-Strafverfolgern aus - in der Hoffnung auf eine Milliardenentschädigung für seine Whistleblower-Dienste. Zurzeit sitzt Birkenfeld allerdings wegen Mithilfe zum Steuerbetrug hinter Gittern - kein untypisches Schicksal.

Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung der Datenklauer klaffen oft auseinander. So wähnt sich Ex-HSBC-Informatiker Falciani auf einer Mission für das Gute. Ein französischer Untersuchungsrichter ortete bei ihm einen «messianischen und ehrlichen Antrieb». Eine Ex-Komplizin widerspricht.

Die neue Datenklau-Generation ist nicht mehr auf Erpressung aus. Unsere Nachbarstaaten bieten Informanten lukrativere und weniger riskante Geschäftsmöglichkeiten. Dem Liechtensteiner Heinrich Kieber, der für die fürstliche LGT Treuhand - und zur eigenen Weiterverwertung - Daten von Steuersündern kopierte, zahlte Deutschland 5 Millionen Euro. Und der Bundesnachrichtendienst half ihm unterzutauchen. Liechtensteins Bankgeheimnis ist Geschichte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2010, 14:52 Uhr

Stichworte

Weitere Artikel Schweiz