Es ist eine Passage, bei der bei Juden wie bei Muslimen die Alarmglocken läuten: «Die Grünen kämpfen gegen die Genitalverstümmelung, diese sind bei Mädchen und Frauen strikt zu bestrafen», schreibt der Vorstand der Schweizer Grünen in einem neuen Positionspapier zur Gleichstellung, das er am Samstag den Delegierten vorlegt. Und weiter: «Auch die Beschneidung von Knaben muss offen diskutiert werden.»
Der dies diskutieren will, heisst Diego Hättenschwiler und ist Delegierter der Berner Grünen. Er hat in der zuständigen Arbeitsgruppe den strittigen Satz eingebracht, aus medizinischen und rechtlichen Gründen, wie er erläutert. Eine Zirkumzision berge durchaus Risiken, es sei dabei gar schon zu Todesfällen gekommen, sagt Hättenschwiler. Zudem sei das Recht eines jeden Kindes auf seine körperliche Unversehrtheit zu berücksichtigen. Unter diesem Aspekt seien Beschneidungen an Säuglingen, die ihr Einverständnis dazu nicht geben können, heikel. Genau darum habe zum Beispiel Schweden Beschneidungen ohne medizinische Begründung bei Knaben, die älter als zwei Monate sind, verboten. Ein solches Verbot fordert Hättenschwiler zwar nicht. «Doch die Gesellschaft muss auch über diese Probleme diskutieren», sagt er, und nicht nur über die – weitaus schlimmere – Genitalverstümmelung bei Mädchen.
Juden pochen auf Tradition
Wenig Verständnis für solche Diskussionen hat der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG). Medizinisch sei die Beschneidung von Knaben gar von Vorteil, schrieb er jüngst in einer Stellungnahme zu der Frage. Denn sie vermindere etwa das Risiko für Peniskrebs oder Harnwegsinfekte. Und rechtlich sehen die Juden in der traditionellen Brit Mila (Beschneidung) ein zentrales Element ihrer Religionsfreiheit. Jeder Versuch, die von der jüdischen oder muslimischen Religion praktizierte Zirkumzision einzuschränken, wäre ein Eingriff in das Recht auf die freie Religionsausübung, heisst es beim SIG.
Um diese Gefahr weiss auch die Parteileitung der Grünen, weshalb man sich dort nur vage zum Thema äussert. «Die Frage ist kontrovers», sagte Präsident Ueli Leuenberger gestern lediglich und wollte sich inhaltlich nicht über Sinn oder Unsinn einer Beschneidungs-Debatte äussern. Co-Generalsekretärin Miriam Behrens sprach derweil von einem heiklen Punkt, zu dem viele Anträge noch eine Klärung verlangten.
Vorsichtige Parteileitung
Zu reden geben werden indes auch die anderen Punkte, die der Vorstand in das Papier aufgenommen hat. So fordern die Grünen etwa Frauenquoten für Verwaltungsräte, eine Militärdispens für Männer mit Betreuungspflichten und viel Forschung: über Gender-Fragen allgemein, über die Lebenssituation von Männern oder die unterschiedlichen Folgen des Klimawandels auf die Geschlechter.
Diese Palette hat in der Partei ein grosses und teilweise sehr kritisches Echo ausgelöst. Die Zürcher Kantonalsektion etwa verlangt gleich die komplette Rückweisung des Papiers. «Es ist veraltet und wirkt verstaubt und überholt», sagt Co-Präsidentin Jeanine Kosch. Viele Punkte entsprächen einem Feminismus der 68er-Jahre, der heute überholt sei. Zudem ist den Zürchern das Papier zu wirr und zu ungeordnet.
Wesentliche Änderungen
Die Möglichkeit zur Korrektur dürfte sich bald ergeben. Denn die schiere Flut der Änderungsanträge macht es unmöglich, das Papier wie geplant am Samstag zu verabschieden. Die Geschäftsleitung stellt darum nun den Antrag, erst nur die Vision zu beraten – und die konkreten Programmpunkte nochmals anzuschauen. Gut möglich also, dass das Papier noch wesentlich verändert wird.
(Tages-Anzeiger)