«Die Haft von Göldi dürfte wie ein Hotelaufenthalt sein»

Von Fabian Renz, Thomas Knellwolf, Lausanne . Aktualisiert am 12.03.2010
Der libysche Dissident Idriss Boufayed spricht über seine Erfahrungen mit dem Ghadhafi-Regime und über dessen Spione in der Schweiz.
Zu Besuch bei Max Göldi: Hannibal Ghadhafi. Bild: WireImage

Herr Boufayed, Sie kennen libysche Gefängnisse aus eigener Erfahrung. Was muss die Schweizer Geisel Max Göldi dort erdulden?
Im Unterschied zu mir ist Göldi kein Gegner des Ghadhafi-Regimes. Auch wenn seine Situation schlimm ist: Verglichen mit meiner Haft, dürfte seine wie ein Hotelaufenthalt sein. Ich bin auch zuversichtlich, dass er vor Ablauf der viermonatigen Haftstrafe freigelassen wird.

Was macht Sie so optimistisch?
Das libysche Regime will sein Image aufpolieren. Überdies sind die Visa-Restriktionen der Schweiz und der EU sehr schmerzlich für Ghadhafis Entourage. Die Krise wird allerdings nicht zu beenden sein, ohne dass die Publikation der Polizeifotos von Hannibal Ghadhafi in der «Tribune de Genève» geahndet wird. Nur so können die Ghadhafis ihr Gesicht wahren.

Wie ist es Ihnen als Ghadhafis Gefangenem ergangen?
Als politischer Häftling war ich im schlimmsten Gefängnis des Landes inhaftiert, in Ain Zara. Einen Monat lang war ich in einer winzigen Zelle eingeschlossen: vielleicht einen auf zwei Meter. Licht gab es keines, weder elektrisches noch natürliches. Später wurde ich in ein anderes Gefängnis verlegt – nach Abu Salim. Die Zelle, die etwas grösser war und über ein Klo verfügte, durfte ich sieben Monate nicht verlassen, ausser zum Reinigen des Flurs. Besuche durfte ich keine empfangen, auch nicht von meinem Anwalt. Ich hatte nur einen Satz Kleider. Es war eine Katastrophe – kalt, im Sommer heiss. Ich musste auf dem Boden schlafen. Medikamente gab es keine.

Wurden Sie gefoltert?
Das nicht, wohl dank meiner internationalen Kontakte. Die Wächter beleidigen einen, aber das muss man ignorieren. Anderen erging es viel schlechter. Ich kannte einen regimekritischen Journalisten, der misshandelt und getötet wurde. Die drei Mörder, Mitglieder von Ghadhafis Revolutionskomitee, sind zwar verurteilt worden. Doch Ghadhafi hat sie unverzüglich begnadigt und freigelassen.

Und Sie, worin bestanden Ihre «Vergehen» gegen das libysche Regime?
Da muss ich etwas ausholen. 1987 leistete ich Dienst als Arzt in der libyschen Armee, die gegen das Nachbarland Tschad kämpfte. Dort geriet ich in Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren durfte ich das Gefangenenlager verlassen und schloss mich im Tschad einer libyschen Oppositionsgruppe an. Wir mussten das Land allerdings verlassen, nachdem sich dort ein Ghadhafi-freundliches Regime an die Macht geputscht hatte. 1990 kam ich als politischer Flüchtling in die Schweiz, wo ich bis 2006 lebte. Dann kehrte ich nach Libyen zurück.

Freiwillig?
Ja. Ich wusste natürlich, dass andere Oppositionelle noch auf dem Flughafen erschossen worden waren, als sie aus dem Exil zurückkehrten. Aber ich hoffte, dass mir als ehemaligem libyschen Kriegsgefangenen nichts passieren würde. Zudem informierte ich das eidgenössische Aussendepartement und die US-Botschaft in Bern. Mir war wichtig, dass die Schweiz und die Vereinigten Staaten über mich Bescheid wussten.

Und gleich nach Ihrer Rückkehr wurden Sie verhaftet?
Nicht sofort. 36 Tage nach meiner Rückkehr wurde ich vom Geheimdienst vorgeladen und für zwei Monate weggesperrt, weil ich erneut politische Artikel verfasst hatte. Zur Eskalation kam es im Februar 2007, nach meiner vorläufigen Freilassung. Ich hatte zusammen mit einigen Kollegen den Entschluss gefasst, eine gewaltfreie Demonstration zu organisieren. Wir wollten an eine Kundgebung von 2006 erinnern, die friedlich begann, aber gewaltsam niedergeschlagen wurde. Wir riefen im Internet zu unserer Demonstration auf dem Hauptplatz in Tripolis auf.

Hat Ghadhafi tatsächlich zugelassen, dass sie stattfand?
Nein. Am Tag vor der Demonstration wurden wir verhaftet. Um ein Uhr nachts stürmten rund 20 Geheimpolizisten mein Haus. Mein Bruder informierte Menschenrechtsorganisationen über meine Festnahme. Eine Stunde später war die Nachricht im Internet. Wiederum eine Stunde später wurde auch mein Bruder verhaftet. Zwölf Organisatoren der Demonstration wurden vor Gericht erstellt. Wir erhielten Haftstrafen zwischen 6 und 25 Jahren. Ich erhielt die höchste.

Wie schafften Sie es trotzdem, wieder freizukommen?
Ich wurde im Frühjahr 2008 in ein Spital verlegt, weil man bei mir eine schwere Krankheit diagnostizierte. Im Herbst desselben Jahres erhielt Ghadhafi Besuch von der damaligen US-Aussenministerin Condoleezza Rice, die sich sehr für mich einsetzte. Vier Wochen später kam ich frei. Im Dezember durfte ich aufgrund meiner Krankheit dann wieder in die Schweiz ausreisen.

Und nun haben Sie von hier aus die Eskalation der Beziehungen zwischen Ihrem Gast- und Ihrem Heimatland verfolgen können. Glauben Sie, die Schweiz hat Fehler begangen?
Der einzige Fehler war die Entschuldigung von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz beim libyschen Premier im letzten August. Die Blockade der Visa war hingegen völlig richtig. Die Schweiz hatte gar keine andere Wahl. Sie hatte zuvor ja erfolglos alle diplomatischen Hebel in Bewegung gesetzt.

Ist Ghadhafi darüber im Bilde, was in der Schweiz geschieht?
Und ob, vielleicht mehr, als Sie denken. Die Schweiz ist neben Grossbritannien dasjenige europäische Land, in dem Ghadhafi sein bestausgebautes Netzwerk hat. Auch ich werde hier vom libyschen Geheimdienst überwacht.

Ghadhafis Leute wissen, dass wir hier beim Interview sitzen?
Erstaunen würde es mich nicht. Sehen Sie: Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 werden in den westlichen Ländern die Telefonate vieler Immigranten aus Nordafrika und dem Nahen Osten abgehört – auch meine hier in der Schweiz, dafür habe ich klare Indizien. Die Gespräche in Arabisch werden dann von Algeriern, Marokkanern und Libanesen ins Deutsche und Französische übersetzt. Und von diesen Übersetzern dürften gegen 50 Prozent als Doppelagenten arbeiten.

Das klingt jetzt etwas nach Verschwörungstheorie ...
Ist es aber nicht. Seit 1993 fürchtet Ghadhafi die Schweiz als wichtigsten Treffpunkt der libyschen Opposition: Damals wurde von Zürich und Genf aus ein Umsturzversuch eingefädelt, und bis heute finden 50 bis 60 Prozent aller Treffen der libyschen Diaspora in Genf statt. Aus diesem Grund hat Ghadhafi zahlreiche Agenten hier in der Schweiz postiert. Wobei längst nicht alle einen libyschen Pass besitzen.

Die Schweiz ihrerseits schafft nach wie vor libysche Asylbewerber in ihre Heimat zurück. Ist das zu verantworten?
Aus meiner Sicht klar Nein. Ich zum Beispiel bin freiwillig zurückgekehrt – und wurde prompt inhaftiert. Das wird mich allerdings nicht an einer erneuten Rückkehr hindern. Sie soll schon in wenigen Wochen stattfinden.

Im Ernst? Haben Sie keine Angst?
Natürlich bleibt ein Risiko. Doch ich gehöre zu den friedlichen Regimegegnern, ich arbeite nicht mit Gewalt.

Ghadhafi hält sich seit 40 Jahren an der Macht und wird teilweise sogar vom Westen hofiert. Da glauben Sie wirklich noch an Veränderungen?
Ja, ich bin optimistisch. Es gibt vielversprechende Anzeichen dafür, dass es in nächster Zeit zu demokratischen Reformen kommen wird. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Ghadhafi schon 2011 Wahlen durchführen lässt. Hören Sie mal seinem Sohn Saif al-Islam zu: Um seine Chancen zu verbessern, spricht er schon jetzt ständig von Demokratie – weil er weiss, dass 90 Prozent des Volks mit dem Regime seines Vaters unzufrieden sind. Die Ära Ghadhafi neigt sich dem Ende zu. Das ist eher noch eine Frage von Monaten als von Jahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2010, 04:00 Uhr

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