Die Ost-Connection der Kupferdiebe

Von Claudio Habicht . Aktualisiert am 24.09.2009
Seit Anfang Jahr ist der Preis für Kupfer stark gestiegen, weil die Chinesen Hamsterkäufe tätigen. Eine Tonne Altkupfer bringt heute 5000 Franken ein. Ein Ansporn für die Kupferdiebe, die in der Schweiz ihr Unwesen treiben.
Hochspannung: Im Gegensatz zu den Kupferdieben werken die SBB-Arbeiter nur bei ausgeschaltetem Strom an den Fahrleitungen. Bild: KEYSTONE/AP

Ganz wohl werden sich die Kupferdiebe wahrscheinlich nicht gefühlt haben, als sie letzte Woche in viereinhalb Metern Höhe über den SBB-Geleisen Erdungskabel klauten. Diese führen zwar keinen Strom, doch sind die in unmittelbarer Nähe der Fahrleitungen an den Masten festgeschraubt. Jede Berührung mit den 15’000-Volt-Leitungen ist tödlich, bei hoher Luftfeuchtigkeit drohen zudem Stromstösse auf Distanz, so genannte Lichtbögen. Das hat die Diebe jedoch nicht abgeschreckt: Vier Mal schlugen sie im Aargau in der Nacht zu, in Rümikon, Kaisten und Würenlos sowie bei Döttingen. Sie montierten über 3500 Meter Kupferkabel ab – unter Lebensgefahr.

Doch der Diebstahl ist zu einfach, die Beute zu wertvoll. Für eine Tonne unisolierter Kupferkabel bezahlt der Altmetallhändler zurzeit rund 5000 Franken, 3500 Meter bringen knapp 200’000 Franken ein. Der Kupferpreis, an den der Preis für Altkupfer gekoppelt ist, hat sich seit Anfang Jahr verdoppelt (siehe Grafik). «Die Chinesen haben ihre Kupferreserven aufgestockt, darum steigt der Preis seit einigen Monaten wieder an», sagt Eliane Tanner, Rohstoffanalystin bei der Credit Suisse. «Dies, nachdem der Kupferpreis während der Krise zusammengebrochen ist.» Sie glaubt, dass Kupfer noch teurer werden wird, wenn die Konjunktur weltweit anzieht.

Händler in der Schweiz sind vorgewarnt

Bleibt die Frage, wo die Diebe den Edel-Schrott verkaufen werden. Ein Altmetallhändler, der namentlich nicht genannt werden will, sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Sie werden einen Hehler im Ausland suchen. In Deutschland und Osteuropa ist der Kupferdiebstahl bestens organisiert, dort verschwinden ganze Hochspannungsleitungen.» Verkaufen die Diebe die geklauten Kupferkabel an einen Händler in der Schweiz, laufen sie Gefahr, erwischt zu werden: Jeder Altmetall-Diebstahl wird dem Verband Stahl-, Metall- und Papier-Recycling gemeldet, der daraufhin ein Mail an seine Mitglieder versendet. Die Händler sind also vorgewarnt.

Noch tappt die Polizei im Dunkeln. «Bis jetzt haben wir noch keine Hinweise», sagt Rudolf Woodtli, Sprecher der Kantonspolizei Aargau. Er geht davon aus, dass es sich um Profis handelt, vermutlich die gleichen Täter die vier Diebstähle begangen. «Sie trennten die Kabel links und rechts von der Halterung durch und transportierten die einzelnen Stücke ab.» Bei allen vier Diebstählen suchten sich die Diebe deshalb Zugstrecken aus, die mit einem Fahrzeug erreichbar sind, abgelegen liegen – und auf denen in der Nacht keine Güterzüge verkehren. «Diese Art von Diebstählen sind ein Novum.»

SBB verstärkt Patrouillen entlang der Geleise

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Kupferdiebe wieder zuschlagen. Die SBB hat die Bahnpolizei darum angewiesen, mehr Patrouillen durchzuführen. «Wir haben gefährdete Strecken in der Nordschweiz definiert», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. Auf den Bahnverkehr haben die Diebstähle keine Auswirkungen, die Züge bekommen auch ohne Erdungskabel Strom. Die Kabel dienen lediglich dazu, die Masten zu erden und sie vor Kurzschlüssen und Blitzeinschlägen zu schützen. Zudem leiten sie einen Teil des Stroms von der Lokomotive zurück in die Unterwerke des SBB-Stromnetzes.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 24.09.2009, 14:50 Uhr

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