«Ein bisschen mehr Vorsicht ist durchaus angebracht»: Politologin Regula Stämpfli. Bild: KEYSTONE/AP
Die Minarett-Initiative kam bei Frauen nicht schlechter an, als bei Männern. Sind Sie überrascht?
Nein. Sie bestätigt meine Einschätzung nach der Abstimmung. Im Rechtslager haben 87 Prozent der Frauen für die Minarett-Iniatitive gestimmt, gegenüber 71 Prozent der Männer. Man kann also mit Fug und Recht von einem signifikanten Geschlechterunterschied sprechen.
Aber die These von der islamkritischen linken Frau ist kreuzfalsch.
Richtig. Diese These habe ich so auch nie vertreten, sondern sie wurde mir in den Mund gelegt. Mein Kollege Michael Hermann hat sich wohl vom Begriff «linke Frauen» verführen lassen und die These dann auch in der «Süddeutschen» und in der «Arena» weiterverbreitet.
Gab es denn überhaupt eine empirische Grundlage für die These, dass Feministinnen das Zünglein an der Waage waren?
Nein, keine. Dass überdurchschnittlich viele Frauen der Minarett-Initiative ihre Stimme geben werden, zeichnete sich aber in der letzten Umfrage von Claude Longchamp ab. Aber eben: Die Rede ist von «Frauen» und nicht «Feministinnen». Eine ähnliche Tendenz sahen wir auch schon bei der Verwahrungsinitiative.
Nach Claude Longchamps Fehleinschätzung vor dem Urnengang erweist sich nun auch die Analyse von Politologen nach der Abstimmung als falsch.
Das ist eine Pauschalisierung. Werfen sie bitte nicht alle Politologen in einem Topf! Was Claude Longchamp passiert ist, halte ich für bedauerlich: Sein Problem war, dass da eine Umfrage als Prognose verkauft wurde. Natürlich trägt Longchamp eine Mitverantwortung. Aber in der Mediendemokratie ist es nun mal attraktiver, eine Prognose zu verkaufen als eine Bestandesaufnahme.
Unser Verdacht: Politologen operieren häufig mit Thesen, die wissenschaftlich kaum abgestützt sind.
Das ist ein falscher Schluss. Unsere Analysen beruhen auf Erfahrung, Wissen und qualitativen Analysen. Diese werden leider oft verkürzt und wenig komplex wiedergegeben.
Die Glaubwürdigkeit Ihrer Zunft scheint aber ramponiert.
Das mag sein. Und das ist eigentlich auch gut, dass jetzt die Expertokratie vermehrt in Frage gestellt wird. Ein bisschen mehr Vorsicht ist durchaus angebracht: Die Medien müssen genauer hinschauen, welcher Experte zu einem bestimmten Thema tatsächlich auch einen wissenschaftlichen Beitrag geleistet hat, und wer eigentlich keine Fachperson ist. Ich wehre mich aber dagegen, dass nun alle Politologen ihren Kopf herhalten müssen.
Mit anderen Worten: Die Medien sind wieder einmal die Dummen?
Nein, darauf wollte ich gar nicht hinaus. Es gibt einfach Medienmechanismen, die weder die Journalisten, und seien sie noch so hoch qualifiziert und aufgeklärt noch die Politologen rechtzeitig erkennen. Erst Wochen später merkt man, dass man einer Agenda gefolgt ist, welche medial von der SVP inspiriert wurde. Die Volkspartei agierte sehr clever: Sie versteht viel von Personalisierung, Vereinfachung und Freund-Feind-Schemata. Nur so ist die Medienpräsenz der Befürworter im Vorfeld der Abstimmung erklärbar.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )