«Die ältere Generation von Hauseigentümern profitiert»

Interview: David Vonplon . Aktualisiert am 15.05.2009
Hausbesitzer sollen künftig den Eigenmietwert nicht mehr besteuern müssen, im Gegenzug sind Abzüge für Hypothekarzinsen nicht mehr erlaubt. Wohnungsmarktexperte Jürg Zulliger erklärt, was vom geplanten Systemwechsel zu halten ist.

Herr Zulliger, Keine Versteuerung des Eigenmietwerts, keine Abzüge für Schuldzinsen: Simonetta Sommaruga (SP) und Rolf Schweiger (FDP) wollen die Besteuerung von Wohneigentum radikal vereinfachen. Ist das auch ein Schritt in Richtung mehr Steuergerechtigkeit?
Ja, der Vorstoss ist in der Sache sinnvoll. Denn mit dem heutigen System haben Hauseigentümer allen Grund, sich zu verschulden. Ich halte das für einen elementaren Systemfehler. Gerade junge Leute denken beim Hauskauf häufig zuerst daran, wie viele Steuern sie sparen können und nehmen in der Folge hohe Hypotheken auf. Wir haben in den USA gesehen, wohin eine solche Schuldenwirtschaft im Immobiliensektor hinführt. Es ist deshalb der richtige Moment, um das heutige Modell zu überdenken.

Ist es für Hauseigentümer nicht nachteilig, wenn Abzüge für Schuldzinsen und Unterhalt gestrichen werden?
Nein. Das neue Modell sieht vor, dass das Wegfallen der Abzüge für die Schuldzinsen und den Unterhalt durch die Abschaffung der Eigenmietbesteuerung ausgeglichen wird. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dass man gewisse Abzüge für Unterhaltskosten stehen lässt, wäre allerdings nicht falsch. Man würde damit einen Anreiz setzen, dass die Häuser gut unterhalten werden. Insbesondere Investitionen, die den Energiebedarf senken, müssen gefördert werden.

Wer würde vom Systemwechsel profitieren?
Vor allem die ältere Generation von Hauseigentümern. Sie will nach ihren Wertvorstellungen häufig Schulden abbauen, wird aber mit der Besteuerung des Eigenmietwerts dafür bestraft.

Werden Mieter mit dem neuen Steuerregime gegenüber den Hausbesitzern besser gestellt?
Ja, auf jeden Fall. Die heutige Ungleichbehandlung zu Lasten der Mieter würde beseitigt. Denn die Mieter können schliesslich ihre Kosten auch nicht abziehen. Es gibt keine steuerlichen Anreize, Mieter zu sein.

Und wer verliert?
Die Neuregelung hätte Auswirkungen auf das Bankenwesen, das auch in der Finanzkrise im Hypothekengeschäft gute Gewinne erzielt hat. Das hat auch damit zu tun, dass es weltweit kein anderes Land gibt, das eine ähnlich hohe Hypothekarverschuldung aufweist wie die Schweiz. Die Schuldenlast beträgt insgesamt 700 Milliarden Franken, das entspricht einer Pro-Kopf-Verschuldung von 100'000 Franken. Man muss davon ausgehen, dass der Umfang, in welchem die Leute Hypotheken aufnehmen, zurückgehen würde. Für den Bankenplatz Schweiz wäre die Regel also unvorteilhaft.

Würde ein Hauseigentümer künftig mehr oder weniger Steuern bezahlen?
Für den Mittelstand hat der Systemwechsel kaum Auswirkungen. Die Steuerabzüge machen für sie nicht mehr als ein paar hundert Franken aus, vor allem weil die Zinsen in den letzten Jahren ohnehin tief waren. Kein Interesse an der Neuregelung haben jedoch jene, die alte Häuser kaufen und viel Geld in den Umbau investieren. Auch wer aus rein steuerlichen Gründen sein Haus sehr hoch verschuldet, hat das Nachsehen. Das sind aber meistens sehr reiche Leute, die dank ihrem Vermögen und ihrer Zahlungsfähigkeit Immobilien oft auch zu 100 Prozent über Bankkredite finanzieren können.

Der Hauseigentümerverband Schweiz kritisiert den angestrebten Systemwechsel. Er verweist auf die Zwillingsinitiativen «Sicheres Wohnen im Alter» und «Bausparen».
Diese Initiativen schiessen über das Ziel hinaus. In der Schweiz besteht bereits ein ausgeprägtes System zur Förderung von Wohneigentum. Es ist zum Beispiel möglich, Gelder aus der zweiten und dritten Säule gezielt für den Kauf von Wohneigentum oder der Amortisation von Hypotheken einzusetzen. Letztes Jahr haben die Schweizerinnen und Schweizer zum Beispiel 3,2 Milliarden Fr. Pensionskassengeld dafür eingesetzt. Für mich ist das auch eine Form von Bausparen, die sich bewährt hat, ich sehe nicht ein, weshalb man da einen Schritt weiter gehen sollte. Seit den Neunzigerjahren verzeichnen wir zudem einen Eigenheim-Boom, der international sehr aussergewöhnlich ist. Bei der nächsten Volkszählung rechne ich mit einer Steigerung der Wohneigentumsquote auf 38 Prozent.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 15.05.2009, 12:29 Uhr

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