«Es könnte schwierig werden, den Taktfahrplan zu halten»

Von Claudio Habicht . Aktualisiert am 21.10.2009
Neue Züge und Bahnstrecken waren bei der SBB lange wichtiger als der Unterhalt bestehender Anlagen. Das rächt sich nun: Wegen sanierungsbedürftiger Strecken können die Züge nicht mehr volles Tempo geben.
Belastetes Schienennetz: Vernachlässigte Geleise zwingen Züge, langsamer zu fahren. Bild: KEYSTONE/AP

Der Nachholbedarf bei den SBB ist enorm: Eine Milliarde Franken würde es kosten, die aufgestauten Arbeiten am vernachlässigten Bahnnetz auszuführen. Damit ist es aber nicht getan. Zusätzlich verlangt SBB-Chef Andreas Meyer 100 bis 250 Millionen Franken pro Jahr, damit die Schienen in Zukunft zeitgerecht gewartet werden können. Ob der Bund das Geld locker machen wird, ist allerdings ungewiss. Falls nein, werden sich Pannen und Störungen häufen, warnte Meyer Ende September.

Bereits heute müssen Züge auf manchen Strecken langsamer fahren, als sie eigentlich könnten – aus Sicherheitsgründen. Der Sparkurs hat dazu geführt, dass die SBB Sanierungsarbeiten bis zuletzt aufschieben. Das mangelnde Geld ist jedoch nur ein Grund für die zunehmenden Probleme, letztlich ist die SBB Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden: Die Nachfrage hat überdurchschnittlich zugenommen. Heute fahren 17 Prozent mehr Züge als noch vor sechs Jahren – die überdies schneller und schwerer sind.

Zeitreserven der Lokführer schmelzen dahin

Hubert Giger, Präsident des Schweizer Lokführerverbandes VSLF, schaut besorgt in die Zukunft: «Die Belastungen des Schienennetzes werden immer grösser. Wenn Züge vermehrt in Langsamfahrt unterwegs sind, könnte es schwierig werden, den Taktfahrplan zu halten». Da die Lokführer den Zug vor jeder solchen Stelle abbremsen und wieder beschleunigen müssen, schmilzt die Zeitreserve dahin, die für jede Fahrt eingerechnet ist. «Im Verspätungsfall kann man die Zeit nicht mehr wettmachen», sagt Giger.

Bei der SBB betont man, dass nur dort mit Reparaturarbeiten zugewartet wird, wo der Fahrplan langsamere Züge erlaubt und die Sicherheit gewährleistet bleibt. «Dieses Vorgehen ist ökonomischer», sagt Sprecher Reto Kormann. Schweizweit gibt es laut SBB 13 solche Strecken, vier sind bekannt: Es sind die Abschnitte zwischen Illnau und Fehraltorf, Pfäffikon ZH und Kempten, Ossingen und Stammheim sowie eine Weiche in Bülach. Die restlichen Langsamfahrstrecken wollen die SBB nicht bekannt geben. Kormann betont jedoch, dass es sich dabei ausschliesslich um weniger befahrene Nebenlinien handelt.

Sicherheit der Passagiere gewährleistet

«Die Mängel werden im Rahmen von Totalerneuerungen behoben. Bis dahin fahren die Züge beispielsweise statt mit 100 km/h nur mit 60 km/h über die mangelhafte Stelle.» Laut Kormann ist die Sicherheit der Passagiere dabei nie gefährdet. Sind die Schäden «sicherheitsrelevant», schickt die SBB sofort Reparaturteams aus, auch wenn Umleitungen oder Verspätungen die Folge sind.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 21.10.2009, 14:00 Uhr

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