«Hannibal Ghadhafi hat kein Monopol auf Demütigung»

Von Hubert Mooser . Aktualisiert am 30.10.2009
Pierre Ruetschi, der Chefredaktor der «Tribune de Genève», erklärt, weshalb es absurd sei zu sagen, die Publikation der Bilder habe die Rückkehr der Geiseln verhindert.
«Es ist absurd zu glauben, die Publikation der Polizeifotos sei die Ursache für das Problem»: Die besagte Ausgabe der Tribune de Genève. Bild: WireImage

Herr Ruetschi, der Arbeitgeber der Geisel Rachid Hamdani sagt, die durch Ihre Zeitung publizierten Fotos von Hannibal Ghadhafi habe die Ausreise der zwei Schweizer verhindert.
Pierre Rütschi: Herr Miguel Stucky hat dazu gestern in der Tribune de Genève einen offenen Brief an Staatsrat Moutinot geschrieben.

Und was sagen Sie dazu?
In dieser Affäre herrscht die totale Verwirrung. Es ist sehr schwierig zu sagen, was genau dazu geführt hat, dass die beiden Schweizer nicht ausreisen durften und bis heute nicht freigelassen wurden.

Fühlen Sie sich in die Rolle des Sündenbocks gedrängt?
Es ist absurd zu glauben, die Publikation der Polizeifotos sei die Ursache für das Problem. Oberst Qadhafi hat ein Interesse daran, die beiden Schweizer als Pfand zurückzuhalten. Es gab ausserdem viele Manöver, Verhandlungen und Druckversuche durch den Bund und durch Dritte. Es gibt und gab sehr viele Faktoren, die Auswirkungen auf die Entscheide des Regimes in Tripolis haben können. Diese Elemente und Faktoren waren viel wichtiger als die Publikation der Fotos.

Von welchen Elementen und Faktoren sprechen Sie?
Ich möchte zum Beispiel wissen, welche Auswirkungen die Aussagen des damaligen Ständerats Didier Burkhalter hatten, die Geiseln mit militärischen Mitteln aus Tripolis zu befreien. Und hat man je hinterfragt, wie die Bemerkungen von Bundesrat Maurer in Libyen aufgenommen wurden? Maurer sagte, er glaube nicht, dass die Geiseln vor 2010 frei kämen. Ist das nicht auch eine Aufforderung, die Geiseln zurückzubehalten? Bundespräsident Hans-Rudolf Merz hat zudem in einem Interview erklärt, die Entschuldigung habe die Schweiz nichts gekostet. Hat er damit nicht seine Entschuldigung für wertlos erklärt? Es gibt viele unklare Punkte in dieser Affäre. Darum kann man nicht behaupten, die Publikation der Fotos habe die Heimreise der zwei Schweizer verhindert.

Würden Sie die Bilder heute wieder publizieren?
Wenn die Umstände dieselben wären wie damals bei der Publikation, würde ich die Bilder wieder ins Blatt bringen. Wir haben diese Fotos ein einziges Mal verwendet und dies in einem ganz speziellen Kontext. Wir haben sie auch nicht ins Netz gestellt.

Besondere Umstände?
Es gibt gute Gründe dafür, dass wir die Bilder veröffentlicht haben. Sie sind die einzige objektive Information über die Verhaftung von Hannibal Ghadhafi. Es wurde sehr viel darüber spekuliert und geredet, ob er bei der Verhaftung hart angepackt oder vielleicht sogar verprügelt wurde. Diese Bilder zeigen, wie Hannibal Ghadhafi ausgesehen hat, als die Polizei ihn aus dem Genfer Hotel abführte. Es handelt sich also um ein wichtiges Dokument in einer Affäre, in der die totale Konfusion herrscht. Seit dem Beginn dieser Geschichte spielen erlittene Demütigungen eine Schlüsselrolle. Wir haben in unserem Zeitungsartikel darstellen wollen, wie die einzelnen Akteure Demütigungen erlebt haben.

Und wie haben Sie das gemacht?
Wir haben dazu drei Fotos publiziert, die drei verschiedene Situationen zeigen, die man als Demütigung bezeichnen kann. Da waren zuerst die Polizeibilder von Hannibal Ghadhafi, für den es eine Schmach war, dass er als hochrangiger Vertreter Libyens so abgeführt und abgelichtet wurde. Da waren aber auch die misshandelten Hausangestellten, die sich vor der Presse entblössen mussten, um die Spuren der Misshandlungen zu zeigen. Und da war auch Bundesrat Merz, der sich in Tripolis entschuldigt hat und dann allein in die Schweiz zurückkehrte. Hannibal Ghadhafi hat also nicht das Monopol, was Demütigungen anbelangt.

Soll sich die Presse in so heiklen Affären zurückhalten? Nein, unsere Aufgabe ist es zu informieren.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 29.10.2009, 16:39 Uhr

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