Geht es nach dem Zürcher Verkehrsexperten Ulrich Weidmann, sollen in der Schweiz vermehrt strassenunabhängige Bahnen gebaut werden, so wie die neue Metro in Lausanne. Sie ist zum Rückgrat des ÖV in der Region geworden und erfreut sich grosser Beliebtheit. Bild: Keystone
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In der Schweiz gehören verstopfte Autobahnen und überfüllte Züge in den Stosszeiten bereits zum Alltag. Droht der Verkehrsinfrastruktur der Kollaps?
Ja. Vor allem in den grossen Agglomerationen der Schweiz - also dem Genferseegebiet, Bern, Basel sowie Zürich - stösst die Infrastruktur an ihre Grenzen. Was ein Kollaps bedeutet, hat Zürich letzten Winter ansatzweise erlebt. Die Sanierung der wichtigen innerstädtischen Verkehrsader Hardbrücke und die Öffnung der Westtangente brachte den Verkehr etwa einen Monat lang zum Erliegen. Autos verstopften die Strassen, die Busse fuhren nicht mehr pünktlich. Würde dieser Zustand in Schweizer Städten zum Alltag werden, wäre eine wichtige Qualität dieser Ballungsräume nicht mehr gegeben: nämlich einigermassen zuverlässig von A nach B zu gelangen.
Was wären die Folgen?
In erster Linie würde die Standortgunst der Städte leiden. Und mit der Zeit würde sich das natürlich auch auf die Lebensqualität niederschlagen. Bevor der Kollaps allerdings dauerhaft eintreten wird, werden die Leute versuchen, sich anders zu organisieren. So werden sie vielleicht eine Stelle in einer anderen Stadt nicht mehr annehmen. In einem nächsten Schritt werden die Arbeitgeber vielleicht gewisse Standorte aufgeben, da ihre Mitarbeiter nicht mehr in nützlicher Frist dorthin gelangen. Aber soweit ist es noch nicht.
Die Schweiz wird bald acht Millionen Einwohner zählen, im Mittelland leben die Menschen bereits ähnlich nah aufeinander wie in den Niederlanden, dem Staat mit der höchsten Bevölkerungsdichte Europas.
Das Bevölkerungswachstum ist nur der eine Grund für die Entwicklung. In den letzten 20 Jahren hat auch eine Umlagerung der Schweizer Bevölkerung innerhalb des Landes stattgefunden. Gewisse Randgebiete haben sich entvölkert, die Boomregionen wie die Genferseegegend und der Raum Zürich/Zug sind überdurchschnittlich stark gewachsen. Die Infrastruktur ist nicht ausgelegt für so viele Leute.
Wie kann der drohende Kollaps vermieden werden?
Kurzfristig gibt es die Möglichkeit, den Verkehr auf den Schienen und den Strassen weiter zu optimieren und die letzten Kapazitäten rauszuholen. Für die Zeit danach sind jedoch radikale Lösungen gefragt, um den Verkehr aufrechtzuerhalten. Mein Vorschlag: In den grössten Agglomerationen sollten strassenunabhängige Bahnen gebaut werden. Solche Verkehrssysteme wie etwa U-Bahnen würden es erlauben, die Verkehrsströme zu trennen und zu beschleunigen.
In den Schweizer Städten ist es eng. Ist es überhaupt möglich, eine U-Bahn von Grund auf neu zu bauen?
U-Bahnen sind zugegebenermassen ein provokativer Vorschlag, aber «U» heisst ja vor allem: «Unabhängig». Eine U-Bahn in diesem Sinne würde teilweise unter der Erde verkehren, streckenweise könnte sie aber auch auf einem Trassee auf Stelzen fahren oder ebenerdig. Das Ziel müsste jedenfalls sein, ein neues Verkehrssystem zwischen der Bahn und dem städtischem ÖV zu schaffen, einen so genannten Mittelverteiler. Dieser würde die S-Bahnen entlasten, die heute zu einer Art U-Bahn-Ersatz mit einem feinmaschigen Haltestellennetz ausgebaut werden, wodurch Kapazitäten für den nationalen Bahnverkehr und den Güterverkehr blockiert werden.
In der Agglomeration Zürich gibt es mit der Glatttalbahn und der geplanten Limmattalbahn bereits erste Schritte in diese Richtung.
Ja und Nein. Meiner Meinung zielt die Glatttalbahn in die richtige Richtung, vielleicht noch etwas zu wenig konsequent. Zwar fährt sie streckenweise auf einem eigenem Trassee, doch ist sie relativ langsam. Noch mehr gilt dies aber für die Limmattalbahn: So wie sie zurzeit geplant ist, kommt sie eher einem Busersatz gleich. Die neuen Mittelverteiler müssten deutlich schneller und effizienter sein.
Sie schlagen weiter vor, in den Städten Seilbahnen zu bauen. Wie muss man sich das vorstellen?
Seilbahnen können vor allem im öffentlichen Nahverkehr punktuell helfen. Gerade in den engen Innenstädten, wo Bus und Tram nicht mehr zügig durchkommen. Auch automatische U-Bahn-Shuttles wie am Flughafen Zürich könnten die Zentren entlasten. Vorstellbar wären solche Shuttles beispielsweise in Zürich zwischen Bellevue und dem Bahnhof Stadelhofen oder dem Hauptbahnhof und dem Paradeplatz.
Ob die Bevölkerung solche Projekte gutheissen würde, steht in den Sternen. In der Stadt Zürich scheiterte der Bau einer U-Bahn zuletzt 1973. Stehen die Chancen heute besser?
Man muss irgendwann anfangen, für die Zukunft zu planen. Wichtig ist dabei, nicht nur den Verkehr im Auge zu haben. Vielmehr muss man die Frage stellen: Wie sollen die Schweizer Städte in einigen Jahrzehnten aussehen? Städtebau, Standortpolitik, Ökologie und Verkehr müssen gemeinsam angeschaut werden.
Gibt es Beispiele, wo Seilbahnen oder U-Bahnen erfolgreich Verkehrsprobleme gelöst haben?
Das Paradebeispiel in der Schweiz ist die neue Metro in Lausanne. Die Linie ist zum Rückgrat des öffentlichen Verkehrs der Region geworden. Die Metro ist beliebt und stösst bereits jetzt an ihre Leistungsgrenzen. In Neuenburg wurde im Zusammenhang mit der Expo 02 eine Standseilbahn vom Bahnhof zum See gebaut. Vorher war diese Strecke mit einem Bus schlecht erschlossen.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )